Über die Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe

Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Knapp 30 ehrenamtlich Engagierte und hauptamtlich Beschäftigte haben bei einem Besuch im Staatsministerium Baden-Württemberg von ihren vielfältigen Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe erzählt. Empfangen worden sind sie von Staatsrätin Gisela Erler, die sich für die bisher geleistete Arbeit bedankt und versprochen hat, die Helferinnen und Helfer nach Kräften zu unterstützen.

Ursula Ruppert-Antabli engagiert sich mit ihrer Tochter Nadine seit zweieinhalb Jahren in Obersulm in der Flüchtlingshilfe und hat anderem zahlreiche Familienpatenschaften übernommen. Katrin Huber verantwortet zusammen mit einer Kollegin beim DRK Kreisverband Karlsruhe den Betrieb einer Flüchtlingsunterkunft für besonders Schutzbedürftige in der Landeserstaufnahme. Susanne Rezvanmehr und Roswitha Spätling haben als Ehrenamtliche mit dem Netzwerk Flüchtlingshilfe in Ebersbach eine beeindruckende Vielfalt an Projekten entwickelt und gemeinsam mit der Stadtverwaltung unter dem Motto „Ebersbach – tolerant und einladend“ einen Dokumentarfilm gestaltet, der für das gute Zusammenleben in der Kommune steht. Peter Dembeck hat als ehrenamtlicher Flüchtlingsbetreuer und Integrationsbeauftragter beim TV Waibstadt mit viel Engagement und Hartnäckigkeit erreicht, dass ein Apotheker aus Eritrea in der neuen Heimat seinen alten Beruf ausüben kann. Der Freundeskreis Asyl Ostfildern mit Ursula Zitzler als Vorsitzender hat das Café Syria als Ort der Begegnung gegründet und Nathalie Stengel von der Fachstelle für Integration und Flüchtlingshilfe der Stadt Ostfildern versorgt Flüchtlingshelfer und Neuankömmlinge gleichermaßen mit einem monatlichen Newsletter.

Großes Durchhaltevermögen der Zivilgesellschaft

All das ist nur ein kleiner Teil an Beispielen, der für die Vielfalt an Hilfsprojekten, an unermüdlichem Engagement und kreativen Ideen steht, die das Fundament sind, auf dem die Flüchtlingshilfe im ganzen Land steht. Welche Erfahrungen sie bei ihrer täglichen Arbeit machen, was gut läuft und wo es noch Handlungsbedarf geben könnte, das haben die knapp 30 ehrenamtlich Engagierten und hauptamtlich Beschäftigten aus dem ganzen Land am 12. Oktober bei einem Besuch im Staatsministerium Baden-Württemberg erzählt. „Wir sind froh, dass wir Sie haben und dass das Durchhaltevermögen der Zivilgesellschaft derart groß ist“, betonte Staatsrätin Gisela Erler bei der Begrüßung in der Bibliothek der Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des Staatsministeriums.

Aufruf im Newsletter

Anlass für den Erfahrungsaustausch zwischen der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung und den Flüchtlingshelfern war ein Aufruf im Newsletter, von der Arbeit in der Flüchtlingshilfe zu berichten und dabei auch die Schwierigkeiten und Wünsche nicht zu vergessen. Blandine Bugbee etwa betreut seit 2015 ein Flüchtlingspaar aus Nigeria mit einem Kleinkind, für das trotz großer Bemühungen lange Zeit kein Hortplatz oder eine sonstige Ganztagesbetreuung gefunden werden konnte. Die Mutter holt derzeit ihren Hauptschulabschluss nach, der Vater macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger – und Blandine Bugbee springt seither immer wieder als Oma ein. Der Vater habe eine Ausbildung zum Altenpfleger angetreten, die Mutter sei aufgrund der Betreuungssituation leider mit ihren Deutschkursen nicht weiter gekommen, erzählt sie. Zwar habe sie einen Platz für das Kind gefunden, müsse es aber um halb zwei abholen. Ihr Deutschkurs gehe aber bis halb fünf. Nun habe sie vom Arbeitsamt wieder einen Kurs für einen Hauptschulabschluss mit beruflicher Qualifizierung angeboten bekommen, den sie dringend benötige, „da sie sonst für eine Ausbildung zur Altenpflegerin keine Chance hat“.

Ein Beispiel für Hartnäckigkeit

Zwischenzeitlich wurde eine Ganztagesbetreuung für das Kind gefunden, was zeigt, wie Peter Dembeck findet, dass sich Hartnäckigkeit lohnt. Er selbst ist das beste Beispiel dafür, was erreicht werden kann, wenn man sich konsequent einsetzt. Als Integrationsbeauftragter des TV Waibstadt hat der ehemalige Polizist schon etliche Eritreer begleitet und für das Vereinsleben gewonnen, um sie „aus der Langeweile herauszuholen und mit der deutschen Kultur vertraut zu machen“, wie er sagt. Zudem ist es ihm gelungen, nach vielen Gesprächen mit Behörden eine zunächst eingeschränkte Berufszulassung für einen Eritreer zu erreichen. Der Geflüchtete hatte in seiner Heimat zwei Jahre als Apotheker gearbeitet, aber weder ein amtliches Führungszeugnis noch eine Bestätigung für seine Tätigkeit vorlegen können. „Wir müssen uns der Menschen annehmen, dann wird für alle einiges leichter“, sagt er.

Sprache als Schlüssel zur Begegnung

Diese Erfahrung haben landesweit viele ehrenamtlich Engagierte und auch hauptamtlich Beschäftigte gemacht. Zu diesem Kreis gehört auch Anja Kuhn, Wirtschaftsleiterin beim ver.di-Bildungszentrum in Mosbach, die Flüchtlinge bei sich in der Wohnung aufgenommen und mit Ihnen die deutsche Sprache gelernt hat. Sie sieht insbesondere im Abbau von Vorurteilen einen wichtigen Beitrag zur Integration. „Wenn in den Medien von einer Flüchtlingswelle zu hören oder lesen ist, impliziert dieses Wort automatisch eine Bedrohung. Vielleicht sollten wir wieder lernen, bewusster mit Worten umzugehen“, so Anja Kuhn, die bei der Veranstaltung von einem ihrer Schützlinge begleitet wurde, einem jungen Syrer, der in seiner Heimat jeden Freitag auf der Straße für Demokratie demonstriert hatte und dafür verfolgt wurde. In Mosbach hat er nun Arbeit als Verwaltungsfachangestellter gefunden und organisiert im Bildungszentrum Veranstaltungen für andere Geflüchtete. „Die Sprache macht Begegnungen erst möglich“, sagt er.

Das Thema Bleiberecht steht im Fokus

Dass Menschen wie der junge Syrer, der Anschluss und Arbeit gefunden hat und auf dem besten Weg in die Gesellschaft ist, eines Tages das Land vielleicht wieder ungewollt verlassen müssen, wird von vielen Ehrenamtlichen als große Belastung bei ihrer Arbeit empfunden. Auch das ist bei dem Treffen im Staatsministerium, das für die Beteiligten mit einer Führung durch den Amtssitz endete, immer wieder zur Sprache gekommen. Das Thema Bleiberecht rücke immer mehr in den Fokus, betonte auch Staatsrätin Gisela Erler. Die große Kluft zwischen einer empathischen Willkommenskultur und der Abschiebung von Menschen, die sich integriert und eine Arbeit gefunden haben, sei eine große Belastung und Herausforderung für viele. Das könne im Einzelfall beispielsweise dazu führen, dass Unternehmer die Lust verlieren, weiterhin Flüchtlinge auszubilden und zu beschäftigen. In dieser Gemengelage sehe sie die größte Problematik für die Zukunft.