Good morning Deutschland: Radio für Flüchtlinge

Foto: Ferdinando Iannone für RED 17/02

Im Containerdorf an der Roten Wand auf dem Stuttgarter Killesberg geht jeden Freitag das Radioprogramm „Good Morning Deutschland“ auf Sendung. „Wir wollen geflüchteten Menschen eine Plattform geben, um über sich, ihre Interessen und Vorstellungen zu sprechen, damit die Zuhörer sie und ihre Kultur besser kennenlernen“, sagt Issam Abdul-Karim, der das Projekt leitet.

„Sabah el chaer almania, günaydin almanya oder subax wanaagsan Germany“, ist aus den  Lautsprechern zu hören und kündigt den Start der Sendung im Internet an. Die Moderatoren am Mikrofon stellen sich kurz vor, dann gibt es internationale Musik zu hören, die Wettervorhersage für die nächsten Tage und das Abendprogramm wird angekündigt. So einfach kann Radio machen sein, sagt Silvia Korkmaz. Sie ist neu im Team und hat viele Erfahrungen sowie neue Ideen mitgebracht.

Mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen

Mit fast 15 Jahren kam sie selbst aus der Türkei nach Deutschland und hat alle Bildungsmöglichkeiten wahrgenommen, um in Deutschland anzukommen. Sie ist ehrenamtlich in vielen Institutionen und Vereinen mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen engagiert. Sie ist Bildungsbotschafterin der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg e. V. und hat beim Aufbau des ersten türkischen Radiosenders Metropol FM mitgewirkt. Sehr stolz ist sie auf ihre süßen Zwillinge. Damit die Kleinen gut betreut sind, wenn Mama beim Radio ist, hilft ihre Mutter mit und kümmert sich fürsorglich um den Nachwuchs.

Jürgen Drews und Volksmusik aus Afghanistan

„Den geflüchteten Menschen eine Plattform geben, damit die beiden großen Zahnräder von Bürgern und neuen Bürgern ineinandergreifen und sich die Zeit nach vorne dreht, wie bei einem Uhrwerk“, sagt Issam Abdul-Karim, der die Leitung des Projekts übernommen hat. Der Austausch von Vorstellungen und Interessen steht im Fokus des Programms. „Wenn wir es schaffen, Misstrauen und Ängste abzubauen, dann öffnen sich Kopf und  Herz“, so Issam Abdul-Karim. Die Wortbeiträge werden ins Deutsche, Englische, Farsi und ins Arabische übersetzt. Auf der Gästeliste des Senders stehen Musiker, Stadtpolitiker, Mitarbeiter von Nachrichtendiensten und Nachbarn. Jürgen Drews gehört genauso zum Musikprogramm wie Volksmusik aus Afghanistan.

Sehr nah bei den Menschen

Issam Abdul-Karim ist überzeugt: „Schlagermusik begegnet man nicht nur auf der deutschen Lieblingsinsel Mallorca, sondern immer mehr auch auf heimischen Veranstaltungen wie dem Wasenfest in Stuttgart oder dem Oktoberfest in München. „Damit die neuen Nachbarn beim Schlendern durch das Bierzelt keinen Kulturschock erleiden, werden sie auf deutsche Schlagermusik trainiert“, sagt er lachend. Das Studio befindet sich mitten im Containerdorf. Bei schönem Wetter werden die beiden Fenster geöffnet und das Studio wird zum Reality-Event. Kinder toben vor den offenen Fenstern, wieder andere erzählen uns, was sie so am Tag erlebt haben oder was sie auf dem Herzen haben, andere bringen mitten in der Sendung Kaffee und frisch gebackenen Kuchen. „Wir sind sehr nah bei den Menschen, ein offenes Wohnzimmer für alle, was sich oft am Geräuschpegel bemerkbar macht und uns von professionellen Sendern unterscheidet“, sagt der Moderator. 

Die Radiomacher suchen noch Unterstützer

Die Tür zum Studio ist während der Sendung immer offen. Offen bleibt auch die Frage nach der Zukunft des Radioprojekts, offenbart Issam Abdul-Karim. Das Radioprojekt benötigt pro Jahr rund 12.000 Euro. Der Freundeskreis Killesberg hat 1500 Euro für den Radiosender bereitgestellt. Einen Antrag auf eine großzügige Spende hat er gestellt, aber das kann noch dauern. Solange müssen sie sich über Wasser halten und auf ähnliche Unterstützung von der Stadt hoffen, wie die Flüchtlingszeitung „RED“, die ebenfalls im Containerdorf am Killesberg gemacht wird.

(Text: RED - Ausgabe 17/02)