Hilfe zur Selbsthilfe in der Fahrradwerkstatt

Plieningen: Mobil zu sein ist für Flüchtlinge wichtig. Dafür sind Fahrräder hervorragend geeignet. Doch was tun, wenn Reparaturen nötig sind? Thomas Plagemann vom Freundeskreis Flüchtlinge Plieningen-Birkach kennt sich gut mit Rädern aus. In einer selbstgebauten Fahrradwerkstatt gibt er sein Wissen an die Asylsuchenden weiter.

Wenn Worte nicht mehr helfen, greift Thomas Plagemann kurz entschlossen zur Kreide und zeichnet mit ein paar schnellen Strichen an die kleine Tafel, was er meint: „Diese Schraube erst lösen, dann kannst du die Bremse ausbauen.“ Khaled R. nickt, jetzt versteht der 18-jährige Iraner, der aus Afghanistan nach Deutschland floh, was er tun muss. Die fehlenden Deutschkenntnisse sind ein Problem. „Ich spreche drei Sprachen“, sagt Khaled stolz. Sein Gegenüber spricht zwei - doch leider sind es nicht die gleichen. Gut, dass es die Tafel gibt.

Die Sonne strahlt vom Himmel an diesem Samstagvormittag Ende März, die ersten Frühlingsgefühle machen sich breit und Plagemann hat das Garagentor der Fahrradwerkstatt auf dem Gelände der Gemeinschaftsunterkunft Im Wolfer 42 in Stuttgart-Plieningen weit geöffnet. 154 Asylsuchende aus 20 Ländern leben hier, betreut von einer Sozialarbeiterin und einem Sozialarbeiter der Evangelischen Gesellschaft (eva). Jeweils vier Personen teilen sich ein schmales Zimmer, am Ende jedes Flures gibt es eine Gemeinschaftsküche und zwei Duschen. Bereits seit Monaten hoffen viele der Bewohnerinnen und Bewohner auf einen positiven Bescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, um sich in Deutschland endlich eine Zukunft aufbauen zu können.

Viele Fahrradspenden – doch wer macht die Räder flott?

„Für die Flüchtlinge ist es wichtig, mobil zu sein“, weiß Thomas Plagemann aus Erfahrung. „Aber nicht jeder hat genügend Geld für den öffentlichen Nahverkehr.“ Viele Menschen haben dem Freundeskreis Flüchtlinge Fahrräder gespendet, doch die meisten müssen durch kleinere oder größere Reparaturen erst wieder fahrtauglich gemacht werden. Und auch sonst brauchen sie regelmäßige Wartung. Da lag es für den studierten Elektrotechnik-Ingenieur nahe, für die Flüchtlinge eine eigene Fahrradselbsthilfewerkstatt zu bauen. Immerhin kennt er sich aus, denn neben einem Hausmeisterservice betreibt der 57-Jährige in Plieningen selbst einen kleinen Fahrradladen. Das Garagentor und ein Fenster waren bereits in seinem Fundus. Das übrige Baumaterial und die Ausstattung wurden mit Spenden beschafft. Eine Schule veranstaltete dafür einen Sponsorenlauf und Mitarbeitende von Daimler verzichteten auf die Centbeträge ihres Gehaltes. Seit der Eröffnung der Gemeinschaftsunterkunft im September 2014 wurde so bei 13 Arbeitseinsätzen die kleine aber voll funktionsfähige Werkstatt gebaut.

Was nichts kostet, ist nichts wert

Am 20. März war die offizielle Eröffnung, mit vielen Gästen, Reden und selbstgekeltertem Apfelsaft. Am ersten regulären Betriebstag ist es deutlich ruhiger. Anfangs schraubt Thomas Plagemann noch ganz alleine an den Rädern herum, bis schließlich Khaled kommt und ihm hilft. Später kommt auch noch Savaa dazu, ein 13-Jähriger, der mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester aus der Mongolei geflüchtet ist. Jeder, der möchte, darf Hand in der Werkstatt anlegen. Schön wäre es aber, so Plagemann, wenn ein paar der Bewohner regelmäßig kämen, sodass sie nach und nach ihre Kenntnisse erweitern könnten. Zu tun gibt es schließlich genug. Eine Frau bringt ein Rad vorbei, dessen Gabel verbogen ist. Erst vor zwei Tagen hatte sie es gekauft, doch da sie kaum Fahrrad fahren konnte, landete sie gleich an einer Mauer. Thomas Plagemann handelt mit ihr den Preis für die Reparatur aus. „Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Anfangs haben wir die Räder verschenkt, jetzt verlange ich 20 Euro für ein Erwachsenen- und 10 Euro für ein Jugendfahrrad, nur Kinderräder sind umsonst“, meint er. Die eher aufwendige Reparatur gibt es ebenfalls für 10 Euro.

Auch die anderen Mitglieder des Freundeskreises Flüchtlinge sind in der Gemeinschaftsunterkunft aktiv: Sie bieten unter anderem Deutschkurse an, eine Spielgruppe und Hausaufgabenbetreuung für die Kinder sowie einen Handarbeitskreis und ein Café für die Frauen. Gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern haben sie sogar einen Gemüsegarten angelegt und Blumen gepflanzt.

 

Fotos: Cornelia Geidel