Kochen für's Klima - Flüchtlinge als Nachhaltigkeitshelfer

(Hohenheim) Bei den diesjährigen Nachhaltigkeitstagen haben bei einigen der 850 Aktionen auch Flüchtlinge geholfen. Gut angekommen ist dabei das Projekt „Kochen fürs Klima“, bei dem 15 Asylbewerber aus Plieningen mit Studenten und Gourmetköchen auf dem Campus der Uni Hohenheim überschüssiges Obst und Gemüse verarbeitet haben. So soll auf die Lebensmittelverschwendung und die Auswirkungen unserer Ernährung auf das Klima aufmerksam gemacht werden.

Willkommen im „Hotel International“. So nennen sie im Nürtinger Stadtteil Neckarhausen das große Haus mitten im Ort, in dem derzeit 32 Asylbewerber aus Syrien, Jordanien, Somalia und dem Irak untergebracht sind, allesamt Männer. Der charmante Spitzname für die Flüchtlingsunterkunft zeigt, wie gut das Zusammenleben in dem kleinen Ort zwischenzeitlich funktioniert. „Die Menschen sind miteinander vertraut und es finden viele Begegnungen statt“, sagt Steffen Erb, Vorstandsmitglied des örtlichen Sportvereins TB Neckarhausen.

Dass es gelungen ist, die Flüchtlinge in das Gemeindeleben zu integrieren, hat viel mit dem Verein und seinen engagierten Mitgliedern zu tun. Denn schon als Anfang 2014 bekannt wurde, dass bis zu 40 Flüchtlinge in dem Ort untergebracht werden sollen, hat der Turnerbund Neckarhausen spontan seine Hilfe und kostenloses Training angeboten. „Über den Sport, insbesondere wenn er in Vereinsstrukturen organisiert ist, funktioniert Integration oft am einfachsten. Wir wollten einfach dazu beitragen, dass die Bürger positiv gegenüber den Flüchtlingen eingestellt sind,“ sagt Erb, der seinen Verein dabei als Teil eines Netzwerks sieht, in dem vor allem der Arbeitskreis Asyl einen wichtigen Intergrationbeitrag leistet.

Mittlerweile schnüren etwa 15 Flüchtlinge die Kickstiefel für die verschiedenen Teams des TB Neckarhausen, von der Freizeitmannschaft „Vorwärts-Pille“ über die Altherren-Fußballer bis hinauf zur den Aktiven. Einer der Spieler, ein junger Syrer, hat sein neues Team gleich bei seinem ersten Einsatz in der Kreisliga mit zwei Toren zum Sieg geschossen. „Besser kann man sich nicht bedanken“, sagt Vereinsvorstand Erb, der Regierungsdirektor im baden-württembergischen Arbeits- und Sozialministerium ist.

Doch nicht nur der Verein und der Ak Asyl, auch die örtlichen Unternehmen haben einen großen Anteil daran, dass die 3800 Einwohner die Flüchtlinge in ihrer Mitte aufgenommen haben. Angefangen hatte alles während der Fußball-WM 2014, als IT-Unternehmer Sven Noack die Flüchtlingsunterkunft kostenlos mit Internetanschluss, Fernseher und Computern ausstattete. Daraus entstand die Idee eines Vereinssportfestes mit einem „Unternehmen: Integrationskick“, bei dem im Sommer vergangenen Jahres gemischte Teams aus Unternehmern, Vereinsmitgliedern und Flüchtlingen gegeneinander spielten. Vor dem Anpfiff wurde jeder Flüchtling den Zuschauern vorgestellt, begleitet von Applaus und in Trikots, die von den Firmen als Paten gestiftet worden waren. Und auch auf der Vereinsjahresfeier waren die Flüchtlinge dank der finanziellen Unterstützung durch die Ortschaftsverwaltung und Noack als Ehrengäste eingeladen und fast vollständig vertreten. Dass die Männer mit einem spontanen Liedbeitrag den größten Applaus der 400 Gäste erhielten und damit die Saalwette gewannen, sei ein emotionaler Höhepunkt der Jahresfeier gewesen, sagt Erb.

Seit dieser Initialzündung wollen sich immer mehr Menschen im Ort engagieren: beim Ausfüllen von Formularen etwa, dem Übersetzen der Post und anderen Notwendigkeiten. Im Gegenzug helfen auch die Flüchtlinge wo sie können, wie erst kürzlich beim Landfrauentag. „Der ganze Ort macht deutlich, dass er dahintersteht“, sagt Erb, der bei seinem Engagement weder im Verein noch in der Bevölkerung auf Widerstand gestoßen ist, wie er betont. Im Gegenteil. Das Beispiel aus Neckarhausen soll Schule machen, worauf sie stolz sind im Ort, den nun sogar die Bundesregierung kennt: Im Dezember vergangenen Jahres wurde Steffen Erb zusammen mit Christine Görzen vom Arbeitskreis Asyl und Sven Noack zu einem Empfang im Auswärtigen Amt in Berlin eingeladen. Als Dank für ihren ehrenamtlichen Einsatz und die gelungene Integration. (mh)

 
 

Fotos: Martin Stollberg