Opernprojekt mit Flüchtlingen: „Zaide. Eine Flucht.“

(Augsburg/Stuttgart) Bereits mit „Così fan tutte“ hatte der Stuttgarter Verein Zuflucht Kultur im Frühjahr 2015 auf sich aufmerksam gemacht: Gemeinsam mit syrischen Flüchtlingen brachte das Team um Mezzosopranistin Cornelia Lanz die Mozart-Oper unter anderem beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart auf die Bühne. Ab Oktober tourt das Ensemble nun mit seinem zweiten Projekt durch Baden-Württemberg: „Zaide. Eine Flucht.“ Wieder Mozart, diesmal aber ein unvollendetes Werk, das die Flüchtlinge mit ihren ganz persönlichen Geschichten angereichert haben. Dadurch ist es aktueller denn je. Wir waren im Juli bei einer Probe dabei.

Podeste sind zu einem unüberwindbaren Berg aufgetürmt, Stühle stehen darauf, doch ihre Beine ragen abweisend in die Luft, versperren den Weg, erinnern an Stacheldraht. Auf der Probenbühne im Werkraum Augsburg herrscht gespannte Ruhe. Heute ist die Probe für die orientalische Band angesetzt, um die Ouvertüre von „Zaide. Eine Flucht.“ zu entwickeln. Ganz sachte dringen die ersten leisen Töne aus dem Harmonium von Ahmad Shakib Pouya, nach und nach setzen Saz und Oud ein, die Musik steigert sich, dann beginnt Pouya, in der Figur des Gomatz, mit seinem ergreifenden Gesang: Ein Liebeslied für seine angebetete Zaide. Genau wie er ist die schöne Europäerin eine Gefangene im Harem des osmanischen Herrschers Soliman, gemeinsam planen die beiden ihre Flucht.

Was ist Spiel, was bittere Realität?

„Das Lied habe ich als Liebeslied für Zaide geschrieben“, erzählt Pouya, der vor gut vier Jahren selbst aus Afghanistan nach Deutschland geflohen ist. „Ich bin Musiker, aber Musik machen ist in meinem Heimatland verboten. Deshalb musste ich gehen.“ Auch die anderen Bandmitglieder haben ähnliche Schicksale hinter sich. Yasar Dogan, der die Saz spielt, kommt aus der Türkei, Hazem Kanbour an der Oud ist vor zwei Jahren aus Syrien geflohen. Er hat das Libretto, den ursprünglichen Text der Mozart-Oper, sowie die vom Team neu entwickelten Textteile für die Untertitel ins Arabische übersetzt. Außerdem macht er bei dem Projekt die musikalische Assistenz: „Ich kannte Mozart vorher nicht, aber während ich die Texte übersetzt habe, habe ich die ganze Zeit „Zaide“ gehört, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Jetzt mag ich seine Musik sehr.“

Opernfragment mit eigenen Texten ergänzt

Dass der 23-jährige Mozart seine Oper „Zaide“ nicht vollendet hat und Teile des Librettos verschollen sind, erweist sich für Cornelia Lanz und ihr Team als ideal: „Während wir mit unserem ersten Projekt „Così fan tutte“ durch Deutschland gereist sind, haben wir uns viel mit unseren ausländischen Freunden unterhalten und ihre Geschichten aufgeschrieben. Diese Geschichten haben mich nicht mehr losgelassen. „Zaide“ ist daher die logische Fortsetzung unserer Arbeit. Die fehlenden Texte haben wir ergänzt, auf der Bühne erzählen unsere Freunde ihre persönlichen Fluchterlebnisse.“ Ein weiterer Clou der Inszenierung ist, dass die Hauptfiguren dreigeteilt sind. So wird die europäische Sklavin Zaide von einer nigerianischen Tänzerin, einer syrischen Schauspielerin und Cornelia Lanz selbst verkörpert. „Das ist eine neue Erfahrung für mich“, so die Mezzosopranistin, die schon auf vielen Bühnen zu sehen war, „wie es sich anfühlt, wenn ich nicht selbst spiele, sondern meine Stimme einem anderen Menschen leihe, der sie mit seinem Körper ausdrückt.“

Team aus Laien und Profis

Neben der orientalischen Band, den afrikanischen Percussionisten „Voice of Africa“, dem syrischen Chor „Zuflucht“ und den professionellen Sängerinnen und Sängern wirken auch Musikerinnen und Musiker der Münchner Philharmoniker, des Bayerischen Staatsorchesters, der Augsburger Philharmoniker, des Theaters Ulm und der Staatsoper Stuttgart unter dem Namen „Ensemble Zuflucht“ mit. Regie führt Julia Huebner, die musikalische Leitung hat Gabriel Venzago. Premiere war am 6. August 2015 im Rahmen des Augsburger Hohen Friedensfests. Im Oktober folgen weitere Aufführungen in Baden-Württemberg. (cg)

 

Aufführungstermine:

1. Oktober, 19 Uhr, Stadthalle Oberndorf am Neckar
3. Oktober, 19.30 Uhr, Stadthalle Biberach
4. Oktober, 19.30 Uhr, Roxy Ulm
6. Oktober, 19.30 Uhr, Theaterhaus Stuttgart

 
 

Fotos: Cornelia Geidel