Berufsausbildung statt Flüchtlingsunterkunft

Im Sommer 2015 hatte die IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen einen ehrgeizigen Plan: In weniger als drei Monaten wollte sie es 20 Flüchtlingen ermöglichen, eine Ausbildung zu beginnen. Hilde Cost, Leitende Geschäftsführerin der IHK-Bezirkskammer, berichtet von dem Modellprojekt der Wirtschaft im Kreis Esslingen

Bis Flüchtlinge und Asylsuchende dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und ihren Unterhalt selbst verdienen, statt beschäftigungslos in überfüllten Unterkünften zu leben, können Monate und Jahre vergehen. Um ein Zeichen zu setzen, hat die IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen zusammen mit der Kreishandwerkerschaft, dem Landratsamt, der Arbeitsagentur, dem Jobcenter, der Deutschen Angestelltenakademie (DAA) und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Juni 2015 ein Modellprojekt „Vermittlung von Flüchtlingen in Ausbildung“ (ViA) gestartet. Das ehrgeizige Ziel: Zwanzig kurzfristig ausgewählte Flüchtlinge sollten in weniger als 3 Monaten in die Lage versetzt werden, am 1. September 2015 eine Ausbildung zu beginnen.

Den schnellen und unbürokratischen Start des Projekts haben Unternehmen aus dem Kreis Esslingen möglich gemacht, die sich spontan als Sponsoren zur Verfügung gestellt haben. Sie haben 40.000 Euro als Anschub aus der Wirtschaft gespendet, weil keine öffentlichen Mittel zur Verfügung standen. Damit konnten die intensive sprachliche Ausbildung der Bewerberinnen und Bewerber, aber auch die dringend notwendige individuelle Unterstützung bei der Bewältigung von administrativen Hindernissen finanziert werden. Beides hat die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) übernommen. Ein weiterer Erfolgsfaktor war das Netzwerk, das die Projektpartner untereinander aufgespannt haben. Es hat sich schnell gezeigt, dass das ohnehin schon schwierige deutsche Arbeitsmarkt- und Ausländerrecht in Kombination mit dem Asylrecht selbst Fachleute herausfordert und jeder Fall individuell gelöst werden muss. Dass viele Regeln seit Projektbeginn von der Politik verändert wurden und werden, ist nötig und wichtig, macht es aber nicht einfacher, den Überblick zu behalten.

Trotz aller Schwierigkeiten ist es gelungen, in kürzester Zeit 15 Flüchtlinge zu vermitteln: in Ausbildung, in Einstiegsqualifizierung, zwei auch direkt in Arbeit, weil sie anders ihre Familien nicht finanzieren konnten. Auf den Erfahrungen, die wir bei der Lösung unzähliger Probleme gewonnen haben, bauen wir jetzt auf. Zum 1. September 2016 wollen wir weitere Flüchtlinge in eine Ausbildung vermitteln. Gleichzeitig werden diejenigen, die schon einen Ausbildungsplatz haben, weiter betreut.

Wir geben unsere Erfahrungen gerne an die Politik weiter: Die Frage „Kann ich mir eine Ausbildung finanziell leisten?“ sollte zukünftig jeder Flüchtling, der ein Ausbildungsangebot bekommt, mit ja beantworten können. Ebenso sollte jedes Unternehmen, das einen Flüchtling ausbildet, Planungssicherheit für die Zeit der Ausbildung und mindestens zwei weitere Jahre haben.

Wir wissen, dass nicht alle, die als Flüchtlinge zu uns kommen, sich in unseren Arbeitsmarkt integrieren werden, und umgekehrt werden wir unser Fachkräfteproblem nicht nur mit Flüchtlingen lösen können. Aber wir wollen unseren Beitrag leisten und wir wollen den Unternehmen helfen, ihre offenen Lehrstellen zu besetzen. (Hilde Cost)

Foto: IHK Esslingen-Nürtingen