Ehrenamtliche als Arbeitsvermittler

Im Herbst 2014 kamen rund 80 Flüchtlinge nach Waibstadt bei Sinsheim. Die Vorbehalte in der 6.000-Einwohner-Stadt waren damals groß, doch gleichzeitig war bei vielen Bürgerinnen und Bürgern der Wille da: Das schaffen wir. Dank der unermüdlichen Arbeit der Waibstadter Initiative für Flüchtlinge e. V. und vieler Einzelpersonen ist die Kommune zu einem Vorzeigeort für gelungene Integration geworden. Redakteurin Cornelia Geidel besuchte Menschen in und um Waibstadt, die Flüchtlingen den Einstieg in Ausbildung und Arbeit ermöglichen.
 

Ein-Euro-Job im Pflegeheim

„Was möchten Sie trinken?“, wendet sich Samrawit Isayas, 22, freundlich an den betagten Herrn, der im Alten- und Pflegeheim Johanniter-Haus in Waibstadt am Tisch sitzt und darauf wartet, dass das Mittagessen serviert wird. Sie streicht ihm über die Schulter, erfüllt dann seinen Wunsch nach einem Glas Saft mit Wasser. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Tsega Tecleab, 44, deckt sie den Tisch ein, bindet denen, die nicht mehr gut alleine zurecht kommen einen Latz um, beruhigt die, die ungeduldig immer wieder aufstehen wollen. In der Wohngruppe Vogelsang leben 29 Seniorinnen und Senioren zusammen. Manche von ihnen noch fit und weitgehend selbständig, so wie die aufgeweckte 93-jährige Else Sommer, manche aber auch pflegebedürftig, mit starken geistigen und körperlichen Einschränkungen. Dass die beiden Frauen eine dunkle Hautfarbe haben und noch nicht ganz so gut Deutsch sprechen wie ihre Kolleginnen und Kollegen stört hier niemanden.

„Wir sind schon lange ein internationales Team“, lacht Ute Leder, die Pflegedienstleitung des Johanniter-Hauses. „Unsere Bewohnerinnen und Bewohner sind daran gewöhnt, dass hier Menschen aus verschiedenen Ländern arbeiten. Wichtig ist der Umgang miteinander und dass man die Arbeit gerne macht. Hier drinnen muss es stimmen“, sagt sie und klopft sich auf die Brust. Und da drinnen stimmt es bei den beiden Frauen aus Eritrea. Im August und September 2014 kamen sie in Waibstadt an, hatten eine lange Flucht hinter sich: quer durch den Sudan nach Libyen, dann im Boot über das Mittelmeer nach Italien, schließlich nach Deutschland. Bereits im November 2014 begannen die beiden einen Ein-Euro-Job im Johanniter-Haus und lernten nebenher Deutsch. Diese Art der Beschäftigung ist möglich, wenn es sich um eine gemeinnützige Tätigkeit handelt. Der geringe Verdienst von 1,05 Euro pro Stunde schreckte die beiden Frauen nicht ab. Maximal 20 Stunden pro Woche durften sie arbeiten. „Das ist viel besser, als einfach nur rumzusitzen und zu warten“, meint Tecleab, „ich liebe es, Menschen zu helfen.“ Vermittelt hatte die Stellen Peter Dembeck, der sich als Ehrenamtlicher um viele Flüchtlinge in Waibstadt kümmert. Der Job lief so gut, dass die beiden im Johanniter-Haus eine Ausbildung machen wollten, obwohl ihre Anerkennung als Asylberechtigte noch ausstand – ein mehrwöchiger Marathon durch Ämter und Paragraphen begann.

Widersprüchliche Aussagen

„Von jeder Stelle bekamen wir eine andere Auskunft“, erinnert sich Einrichtungsleiter Kai Schramm. Gemeinsam mit Dembeck machte er sich schließlich selbst schlau und fand heraus, dass Flüchtlinge eine Ausbildung beginnen dürfen, wenn sie mindestens drei Monate in Deutschland leben und es sich um einen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf handelt – auch ohne Aufenthaltstitel, ohne Zustimmung der Ausländerbehörde und ohne Vorrangprüfung, bei der geschaut wird, ob deutsche Arbeitskräfte für einen Job zur Verfügung stehen.

Im Oktober 2015 konnten Isayas und Tecleab endlich mit ihrer zweijährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin starten. Von Montag bis Mittwoch besuchen sie die Berufsfachschule im 25 Kilometer entfernten Mosbach, am Donnerstag und Freitag sowie jedes zweite Wochenende arbeiten sie im Johanniter-Haus. „Sie werden eingesetzt wie alle anderen auch, und machen alles, was die Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr selbst können“, erklärt Ute Leder. „Wir haben mit den beiden nur positive Erfahrungen gemacht.“ Kleinere Probleme, die es anfangs gab, wurden durch gemeinsame Gespräche ausgeräumt. „Pünktlichkeit war ein Thema, da sie in afrikanischen Ländern keine Rolle spielt. Wir haben uns darüber unterhalten, dass es in Deutschland wichtig ist, pünktlich zu sein. Beide Frauen haben sich darin sehr gebessert“, freut sich die Pflegedienstleiterin. Nur mit einer Sache ist ihr Chef Kai Schramm noch nicht zufrieden: „Wenn wir eine Person mit Realschulabschluss ausbilden, bekommen wir vom Kommunalverband für Jugend und Soziales Ausgleichszahlungen. Flüchtlinge haben jedoch oft keinen entsprechenden Abschluss oder können ihn nicht nachweisen – dann erhalten wir kein Geld. Das macht die Ausbildung für uns deutlich teurer und damit unattraktiver. An dieser Stelle müsste es dringend Fördermöglichkeiten geben, damit mehr Flüchtlinge die Chance auf einen Ausbildungsplatz haben.

Der Ex-Kripobeamte Dembeck, der in der Flüchtlingsunterkunft in Waibstadt fast täglich nach dem Rechten sieht und freitags eine Sportgruppe anbietet, hat noch mehreren seiner Schützlinge dabei geholfen, der Langeweile beim Warten auf die Anerkennung zu entkommen und in die deutsche Arbeitswelt hineinzuschnuppern: Mina Faizi aus Afghanistan unterstützt seit eineinhalb Jahren das Team des Johanniter-Hauses bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten in den Wohnbereichen und Amanuel Gebremikiel aus Eritrea geht dem Hausmeister zur Hand, beide im Rahmen eines Ein-Euro-Jobs. Haben Yemane aus Eritrea beginnt im März ein dreimonatiges Praktikum als Eventmanager bei SAP in Walldo

Arbeit in der Wäscherei

Felix Okeke aus Nigeria hatte in dem Pflegewohnhaus geputzt, doch es war schnell klar, dass der kräftige 32-Jährige mit der Aufgabe unterfordert ist. Martina Sigmann, seine Patin in Waibstadt, hat dem gelernten Koch einen Job bei einer ortsansässigen Wäscherei vermittelt. „Zuerst hatten wir große Schwierigkeiten mit der Ausländerbehörde und auch die Vorrangprüfung wurde negativ beschieden – bis mir auffiel, dass Felix bereits seit 15 Monaten in Deutschland lebt und die Vorrangprüfung damit nichtig ist. Dann hat es endlich geklappt“, schildert Sigmann die Hürden, die sie gemeinsam nehmen mussten, „nur auf seinen Aufenthaltstitel wartet er immer noch.“ Seit Mitte Januar wird Okeke an den Waschstraßen, an den Trocknern und am Sortierband eingesetzt. Markus Oppermann, der Prokurist der Wäscherei Gafner, ist mit seinem neuen Mitarbeiter sehr zufrieden: „Unsere Erfahrung ist durchweg positiv. Herr Okeke ist sehr zuverlässig und bekommt von uns verantwortungsvolle Aufgaben. Nur die Kommunikation ist noch problematisch, die läuft meist auf Englisch.“
 

Praktikum bei SAP

Auch der 29-jährige Haben Yemane aus Eritrea ist froh: Er beginnt im März ein dreimonatiges Praktikum als Eventmanager bei SAP in Walldorf. Seit Oktober 2014 ist der gelernte Apotheker in Deutschland und übt von Anfang an mit großem Fleiß die neue Sprache. Das Niveau B1 – die dritte von insgesamt sechs Stufen – hat er soeben mit Bravour geschafft, doch er möchte noch besser werden. Er flüchtete aus seinem diktatorisch regierten Heimatland, da er in seinem Beruf verpflichtet war, eine Waffe zu tragen. „Ich war halb Soldat und halb Apotheker“, erzählt der eloquente Mann. „Das wollte ich nicht, deshalb kam ich ins Gefängnis.“ Er konnte fliehen und machte sich auf den Weg nach Deutschland – ohne seine Frau, mit der er frisch verheiratet war. Es wäre zu gefährlich gewesen, Verwandte oder Freunde in die Pläne einzuweihen. Bedrängt von der Geheimpolizei, gelang auch der 24-Jährigen wenig später die Flucht. Im Oktober 2015 traf sich das junge Paar schließlich in Waibstadt wieder. Beide haben mittlerweile ihren Aufenthaltstitel und konnten von der Flüchtlingsunterkunft in eine Wohnung im Haus von Peter Dembeck umziehen, wo sie im Februar ihren zweiten Hochzeitstag feierten. Yemane würde gerne wieder als Apotheker arbeiten, doch die Anerkennung seiner Zeugnisse ist schwierig. Daher freut er sich erst mal auf die neuen Erfahrungen, die bei SAP auf ihn wart

Bei der Fahrt durch Waibstadt, nach Stunden intensiver Gespräche, bleibt mein Blick unwillkürlich an den zahlreichen Plakaten hängen, die für die baden-württembergische Landtagswahl werben. „Das Boot ist voll“, „Asylflut stoppen!“, „Wir schieben ab!“ krakeelt da eine Partei vom rechten Rand in fetten Lettern. Dabei zeigen doch gerade die Waibstadter Bürgerinnen und Bürger auf wunderbare Weise, wie Integration gelingen kann. (cg)

Fotos: Cornelia Geidel (Foto F. Okeke: privat)