Flüchtlinge auf gutem Weg zum Lokführer

Die Idee, Geflüchtete für den Beruf des Triebfahrzeugführers zu gewinnen, nimmt Fahrt auf. Alle 15 Teilnehmer des ersten Kurses, der vorigen Herbst im Raum Karlsruhe/Mannheim begonnen hat, absolvieren das Modellprojekt bislang mit gutem Erfolg. Verkehrsminister Winfried Hermann freut sich mit der Agentur für Arbeit und den beteiligten Verkehrsunternehmen, damit nicht nur dem Fachkräftemangel zu begegnen. Den Geflüchteten bietet der Kurs gute Integrationschancen und nach Abschluss einen sicheren Arbeitsplatz. Weitere Kurse sind in Planung.

Anfang 2019 wurde das ungewöhnliche Projekt publik: Das Ministerium für Verkehr und die Bundesagentur für Arbeit finanzieren gemeinsam eine Maßnahme, in deren Rahmen Geflüchtete im Rahmen eines rund 13-monatigen Kurses zu Triebfahrzeugführern qualifiziert werden. Die Voraussetzungen der Teilnehmer sind technisches Verständnis und sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache (Niveau B2). Mehrere Pluspunkte hat der Kurs: Die Teilnehmer erhalten während des Kurses ein aufgestocktes Ausbildungsgehalt. Zudem finanziert das Ministerium für Verkehr so genannte Integrationscoaches, welche den Ge-flüchteten als Vertrauenspersonen bei Verständigungsschwierigkeiten helfen, sie bei Be-hördengängen begleiten oder bei administrativen Vorgängen in den Verkehrsunternehmen unterstützen. Das Modellprojekt löste ein großes Echo aus. Zahlreiche Betreuer von Ge-flüchteten wandten sich an das Ministerium für Verkehr und die Eisenbahnverkehrsunter-nehmen, da sie Interessenten vermitteln wollten. Ein erster Kurs konnten die Verkehrsun-ternehmen Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), Abellio Rail Baden-Württemberg GmbH und Go-Ahead Baden-Württemberg GmbH zusammen mit dem Dienstleister MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft im Herbst 2019 starten.

Positiv überrascht von den Fachkenntnissen

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann informierte sich zur „Halbzeit“ des Kurses im Februar 2020 über den Fortschritt des Modellprojekts. Während der knapp einstündigen Fahrt in einer Stadtbahn der AVG zwischen Karlsruhe und Raststatt tauschte er sich mit den Auszubildenden aus und zeigte sich positiv überrascht von deren mittlerweile erworbenen Fachkenntnissen: „Es ist beeindruckend, welches bahnspezifische Know-how die Kursteilnehmer in den wenigen Monaten seit Beginn des Kurses erlernt haben.“ Besonders das Ziel der Gewinnung guter Fachkräfte hob der Minister hervor: „Neue Triebwagenfahrzeugführer werden dringend benötigt, wenn wir in Baden-Württemberg weiterhin ein verlässliches Mobilitätsangebot auf der Schiene gewährleisten wollen – zumal, wenn wir den öffentlichen Nahverkehr in den kommenden Jahren weiter ausbauen wollen.“

Einen großen Teil ihrer 13-monatigen Qualifizierung absolvieren die Kursteilnehmer des ersten Ausbildungsclusters bei der MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft in Mannheim. In den ersten Wochen stand vor allem die Vermittlung von bahnspezifischen Grundlagenwis-sen auf dem Unterrichtsplan, etwa die Fahrzeug- oder Signaltechnik, die Zugsicherung oder Grundlagen der Kommunikation im Bahnbetrieb. Dabei legten die Ausbilder großen Wert darauf, dass die Kursteilnehmer das erlernte Wissen sogleich in die Praxis umsetzen konnten und deshalb möglichst viel Unterrichtszeit an und in den Schienenfahrzeugen verbrachten. Im folgenden Ausbildungsblock standen neben dem Theorieunterricht noch weitere Schulungsfahrten sowie umfangreiches Training am Fahrsimulator auf der Agenda, damit die Teilnehmer wichtige Praxiserfahrung sammeln und auf mögliche Stress- und Gefahrensituationen bestmöglich vorbereitet werden. Für diese Ausbildungsteile wurden aufgrund der Corona-Pandemie besondere Schutzmaßnahmen getroffen.

Auszubildende sind sehr motiviert

Bei der MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft zeigt man sich zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Ausbildung: „Dieses Modellprojekt war ja für alle Projektpartner ja ein Stück weit Neuland. Aber bislang sind wir auf einem guten Weg. Die Kursteilnehmer haben enorme Fortschritte gemacht und ihre theoretischen Prüfungen inzwischen alle bestanden“, lobte MEV-Geschäftsführer Marc Giesen die Berufseinsteiger und deren Ausbilder. Auch bei der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), die im Ausbildungscluster eine führende Rolle einnimmt, sieht man sich in der Entscheidung bestätigt, sich an dem Modellprojekt zu beteiligen. „Wir haben mit der Ausbildung von Geflüchteten in unserem Betriebshof und Werkstattbereich bereits gute Erfahrungen gemacht. Das ist auch bei diesem Modellprojekt so. Unsere Auszubildenden sind sehr motiviert, diesen spannenden, verantwortungsvollen und zukunftssichernden Beruf zu lernen“, machte AVG-Geschäftsführer Dr. Alexander Pischon deutlich. „Gleichzeitig übernehmen wir als kommunales Verkehrsunternehmen hier gerne gesellschaftliche Verantwortung und wollen dabei helfen, Menschen, die vor Krieg, Terror oder politischer Verfolgung geflohen sind, hier eine neue Perspektive zu bieten.“

Bei der Agentur für Arbeit sieht man sich nach dem bisherigen Kursverlauf bestärkt, dass die Kombination aus Spracherwerb, Qualifizierung und beruflicher Tätigkeit der richtige Ansatz ist, nicht nur bei diesem Modellprojekt. „Die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt ist auf einem guten Weg. Dennoch dürfen wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen. Dieses Modellprojekt ist beispielhaft dafür, dass eine Arbeitsmarktintegration gelingen kann, wenn geflüchtete und weitere geeignete Personen mit flankierenden Maßnahmen bei ihrem Start ins Berufsleben unterstützt werden", sagt Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit. Auch Minister Hermann betont die Wirksamkeit des Instruments für die Integration von Migrantinnen und Migranten: „Bildung, Sprache und die Integration in den Arbeitsmarkt sind die wesentlichen Bausteine, wenn gesellschaftliche Teilhabe gelingen soll. Und genau hier setzen wir mit diesem Modellprojekt an.“

Weitere Kurse sind schon in Planung

Das Modellprojekt „Qualifizierung Geflüchteter zu Triebfahrzeugführern“ beginnt demnächst an einem weiteren Standort: Bei der DB Regio soll im Februar 2021 in der Region Stuttgart mit einer Gruppe von Teilnehmern mit Fluchthintergrund eine Umschulung zum Triebfahrzeugführer (Berufsbezeichnung: Eisenbahner im Betriebsdienst, Fachrichtung Lokführer und Transport) starten. Im Rahmen von zwei achtwöchigen Schulungsmaßnahmen (Bewerber Check-ups) wurden bereits 22 Teilnehmer in der Landeshauptstadt auf eine mögliche Teilnahme vorbereitet. Im Oktober 2020 wird es für zehn weitere Teilnehmer erneut die Möglichkeit geben an einem Bewerber Check-up teilzunehmen.

Zudem hat die Südwestdeutsche Eisenbahngesellschaft (SWEG), welche in der Ortenau und im Bereich der Zollernalb aktiv ist, ebenfalls Interesse bekundet, ein ähnliches Kursangebot zu starten.