"Zauberfaden": Sprachunterricht in der Nähwerkstatt

In Schorndorf haben ehrenamtliche Helferinnen und Helfer das Projekt Zauberfaden ins Leben gerufen, um Flüchtlingen das Nähen von Taschen, Schürzen und anderen Kreationen beizubringen. Ganz nebenbei lernen die Asylbewerber in der Nähwerkstatt noch die deutsche Sprache.

Die Nähmaschinen surren fröhlich vor sich hin an diesem Dienstagvormittag, wenngleich noch nicht jeder Stich sitzt. Ein junger Albaner versucht sich gerade an einer Schürze, an der Maschine daneben näht ein Syrerin zwei bunte Stoffstücke zu einer Tasche zusammen, weiter hinten lässt sich ein Flüchtling aus dem Irak erklären, wie man den Faden auswechselt. Dass sie allesamt großen Spaß an ihrer Beschäftigung haben, ist ihnen unschwer anzusehen. „Mit so großem Interesse hätten wir niemals gerechnet“, sagt Miriam Lehle. „Wir sind regelrecht überrannt worden.“

Die 33-jährige Schorndorferin ist gelernte Modedesignerin, deren Kollektionen auf Modeschauen in London und Paris vorgeführt werden. Für das Projekt Zauberfaden entwirft sie nun ganz andere Kreationen, einfache Gebrauchsgegenstände, die nach ihrer Vorlage genäht werden sollen. Ihre Eleven sind allesamt Flüchtlinge, die meisten von ihnen Anfänger an der Nähmaschine, denen die Modedesignerin erst einmal einfache Nähte beibringen muss. Hilfe bekommt sie dabei von zwei älteren Asylbewerbern, die vom Fach sind: Einer von ihnen hatte im Irak eine Schneiderwerkstatt, ein anderer hat in seiner Heimat Kinderwiegen gebaut und mit Volants verziert.

Insgesamt 18 Teilnehmer unterschiedlicher Nationalitäten haben sich zu der Nähwerkstatt in einem Nebenzimmer des Schorndorfer Clubs Manufaktur angemeldet, weshalb der Kurs jetzt an gleich zwei Vormittagen angeboten wird, montags und dienstags. Die Anmeldungen hatten die Macher in den Flüchtlingsunterkünften ausgehängt. „Wir haben mit fünf oder vielleicht sieben Anmeldungen gerechnet“, sagt Sükriye Döker, Sprecherin des Schorndorfer Frauenforums, die sich schon seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Wegen der großen Nachfrage mussten sogar zusätzliche Nähmaschinen besorgt werden. Beschafft werden konnten sie im Fundus einer Schorndorfer Schule, die ihren Handarbeitsraum aussortiert hatte. Ein echter Glücksfall, wie Sükriye Döker sagt. „Alle Maschinen sind in erstklassigem Zustand.“     

Überrascht worden sind die Werkstattmacher dabei nicht nur von dem großen Interesse an dem Projekt, sondern auch von der Besetzung: immerhin die Hälfte der Teilnehmer sind Männer. „In vielen Herkunftsländern ist Nähen Männersache“, sagt Miriam Lehle, die ein ehrgeiziges Ziel hat. Eine Kollektion an Taschen, Schürzen und anderen textilen Gegenständen, die mit Motiven der Schorndorfer Künstlerin Renate Busse bedruckt sind, soll auf dem internationalen Fest im Juni an einem eigenen Stand zum Verkauf angeboten werden. Mit dem Erlös soll das Projekt dann weiter ausgebaut werden. „Wir sind schon auf der Suche nach einem größeren Raum“, sagt Klaus Österle, Mitinitiator des Projekts. Mittelfristig sollen die Flüchtlinge über die Beschäftigung in der Nähwerkstatt zudem an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür lernen sie in der Schorndorfer Nähwerkstatt ganz nebenbei: die deutsche Sprache. (mh)

Fotos: Markus Heffner