Großes Bildungsangebot für Flüchtlinge in der Asylothek

(Nürnberg) Die Idee kommt aus Mittelfranken und breitet sich in rasantem Tempo über Deutschland aus: Bis Ende 2015, so der ambitionierte Plan des Initiators Günter Reichert, soll es in jedem Bundesland mehrere Asylotheken geben. In diesen ehrenamtlich betriebenen Bildungszentren können Flüchtlinge Deutsch lernen und bekommen gleichzeitig Kultur und Werte ihres neuen Heimatlandes vermittelt.

Als im Juli 2012 in der Nürnberger Kohlenhofstraße eine Gemeinschaftsunterkunft eröffnet wurde und die Asylsuchenden dort lediglich die beiden Hausmeister als Ansprechpartner für ihre Fragen und Sorgen hatten, war Günter Reichert klar: „So geht das nicht. Wir können diese Menschen nicht alleine lassen. Wie sollen sie sich in die deutsche Gesellschaft integrieren, ohne dass sie die Sprache sprechen und die Kultur kennen?“ Kurzentschlossen gründete er mit Einverständnis der zuständigen kommunalen Stellen in einem Raum der Unterkunft die erste Asylothek, eine Asylbewerberheimbibliothek, mit vielen Büchern, aber eben auch Kursen, die die deutsche Sprache und Kultur vermitteln.

Schon 23 Asylotheken in Deutschland

Was als kleines Projekt eines Einzelkämpfers begann ist in den vergangenen drei Jahren gehörig gewachsen: In Nürnberg haben sich viele Ehrenamtliche gefunden, die die Initiative unterstützen und Kurse und Aktivitäten für Flüchtlinge und ihre Kinder anbieten. Auch Patenschaften werden hier vermittelt, bei denen sich Bürgerinnen und Bürger mindestens zwei Stunden wöchentlich Zeit nehmen, um einem Flüchtling oder einer Flüchtlingsfamilie dabei zu helfen, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden.
Mittlerweile konnte die Asylothek ihre Räume vergrößern und ihre Öffnungszeiten erweitern. Doch Günter Reichert, von Beruf Architekt, plant weiter: Er möchte, dass sich das Konzept der Asylothek in ganz Deutschland verbreitet. „23 Asylotheken laufen bereits oder sind in Vorbereitung“, erzählt der 53-Jährige stolz, „bislang hauptsächlich in Bayern. Aber auch in Berlin und Bonn gibt es Ableger.“ Ganz gezielt möchte er in Zukunft an sozialen Brennpunkten präsent sein. So sei etwa eine Asylothek im sächsischen Hoyerswerda geplant, das 1991 wegen massiver Übergriffe auf Ausländer traurige Berühmtheit erlangte.

Erstes Projekt in Baden-Württemberg geplant

Baden-Württemberg ist in Sachen Asylothek noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. „Wir führen gerade Gespräche mit Ehrenamtlichen in Ravensburg“, gibt sich Reichert zuversichtlich. Als weitere mögliche Standorte hat er die Städte Baden-Baden, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz und Stuttgart ins Auge gefasst, doch auch in jeder anderen Kommune kann – unabhängig von ihrer Größe – eine Asylothek gegründet werden. Über Zeitungsartikel und Facebook macht Günter Reichert seine Idee in der jeweiligen Stadt bekannt und wartet darauf, dass sich Interessierte bei ihm melden. Das klappt bislang sehr gut, das Interesse ist groß. Sein Team schult die Ehrenamtlichen vor Ort, die das Projekt anschließend eigenverantwortlich weiterführen. Bei Fragen oder Problemen erhalten sie Unterstützung aus Nürnberg oder von einer Asylothek in der Nähe.

Internetplattform soll Spenden koordinieren

Unabhängig von den Asylotheken verfolgt der umtriebige Architekt eine weitere Idee: So bald wie möglich möchte er eine Internetplattform ins Leben rufen, auf der man deutschlandweit sehen kann, wo gerade welche Sachspenden benötigt werden. „Die Spendenbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger ist immens, doch bis jetzt werden diese Spenden oftmals nur unzureichend koordiniert. Wenn ich zum Beispiel ein Fahrrad abzugeben habe, und im Flüchtlingsarbeitskreis meiner Kommune wird gerade keines gebraucht, dann weiß ich nicht, wo ich es hinbringen kann, in welcher anderen Stadt eines benötigt wird“, erklärt Günter Reichert. In Fällen wie diesem soll die Internetplattform helfen, auf der man sowohl Gesuche als auch Angebote eintragen kann. Auch Menschen, die sich gerne für Flüchtlinge engagieren möchten, könnten sich hier melden. Günter Reichert hat seine Idee dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorgestellt, um das Projekt eventuell gemeinsam umzusetzen.

Doch momentan ist es ihm erst einmal wichtig, dass sich die Asylotheken weiter verbreiten, damit die Asylsuchenden die Möglichkeit erhalten, sich in ihrer neuen Heimat gut zu integrieren. (cg)