Bischöflicher Beauftragter für Flüchtlingsfragen

Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Manuela Pfann

Der Theologe und Pastoralreferent Ludwig Rudloff ist seit Juli neuer Bischöflicher Beauftragter für Flüchtlingsfragen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem, Hilfsprojekte und Aktivitäten der Diözese zu koordinieren. „Ich wünsche mir möglichst viele Begegnungen und Austauschmöglichkeiten“, betont er im Interview.

Herr Rudloff, was hat Sie dazu bewogen, das Amt des Bischöflichen Beauftragten für Flüchtlingsfragen anzunehmen?

Ludwig Rudloff: Ich bin gefragt worden, habe gründlich überlegt und schließlich „Ja“ gesagt. Die Aufgabe ist für mich eine neue Herausforderung. Wie das Ergebnis der Bundestagswahl zeigt, ist das Thema Flüchtlinge hoch aktuell und zudem sehr brisant. Bei meiner neuen Aufgabe geht es um Koordination, Kooperation und Entwicklung von Aktivitäten, Projekten mit dem Caritasverband der Diözese und seinen regionalen Stellen, mit Behörden und vielen Einrichtungen in den Kommunen und im Land.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Ludwig Rudloff: Ich stehe noch am Anfang meiner Arbeit. Mein Vorgänger Dr. Thomas Broch hat viel Wertvolles aufgebaut in Richtung Kommunikation, Kooperation und Entwicklung mit den unterschiedlichsten Behörden und Einrichtungen. Es gilt nun das fortzuführen, Kontakte aufzunehmen, Begegnungen zu schaffen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den zahlreichen Einrichtungen.

Wie nehmen Sie die Sorgen der Menschen angesichts der Zahl an Flüchtlingen wahr?

Ludwig Rudloff: Nach den mir bekannten Fakten hält sich die Zahl der Flüchtlinge, die zu uns kommen, zwischenzeitlich in Grenzen. Die Politik tut ja alles dafür. Die Sorge und die Ängste der Menschen kann ich aber gut verstehen. Wir müssen sie ernst nehmen und mit den Menschen darüber sprechen, ihnen zuhören. Hier passiert auch schon sehr viel in den Gemeinden und den Einrichtungen. Das ehrenamtliche Engagement sorgt für ein gutes Klima und trägt dazu bei, Ängste abzubauen.

Was sagen Sie den Menschen, um sie mitzunehmen?

Ludwig Rudloff:
Die Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind und weiterhin kommen werden, haben einen harten Weg hinter sich. Sie haben Folter, Krieg und Gewalt erlebt und sehen keine Perspektive mehr für ihr Leben in ihrer Heimat. Deshalb bleibt ihnen nur die Flucht. Es ist für uns Menschen und besonders für uns Christen eine Pflicht, sie aufzunehmen und sie zu integrieren. Ich bin mir bewusste, dass dies kein einfacher Prozess ist, weil unterschiedliche Kulturen und Religionen aufeinandertreffen und für Konflikte sorgen. Letztlich ist dies eine große Herausforderung für  alle, sowohl für uns als auch für die Flüchtlinge. Zu unserem Selbstverständnis als Kirche und als Christen gehört die Fürsorge für Flüchtlinge und Migranten. Ich greif ein Wort unseres Bischofs auf: Es geht um die Grundwerte, sagt er, die wir nicht aufgeben dürfen, es geht um den Menschen und seine unantastbare Würde auf christlichen Grundlagen. Solch humane Grundlagen prägen das Zusammenleben, fördern das Miteinander und verpflichten zur Gastfreundschaft. Deshalb bittet unser Bischof, diese Werte und Grundorientierungen, die den Flüchtlingen eine neue Heimat eröffnen und geben, wertzuschätzen und zu achten. Es geht um die Anerkennung der Verfassung und unserer Gesetze sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wenn wir uns öffnen und uns auf den Prozess einlassen, dann vertraue ich darauf, dass vieles möglich ist und auch gelingen wird. Es gibt inzwischen genügend Beispiele, wie die Integration von Flüchtlingen gelingen kann.

Was bereitet Ihnen gerade die größten Sorgen?

Ludwig Rudloff:
Mit großer Sorge betrachte ich insbesondere die Entwicklung in Libyen. Die Situation ist menschenunwürdig. Es fehlt das Notwendigste zum Leben und es gibt keine Perspektive für ein erträgliches Leben. Für mich ist dies ein Skandal. Hier wünsche ich mir eine Politik, die sich für die geschundenen Menschen einsetzt, damit sie das Brot zum Leben haben.

Was erhoffen Sie von den Bürgerinnen und Bürgern im Lande

Ludwig Rudloff:
Viele Menschen in unserem Land engagieren sich und setzen sich für die Flüchtlinge ein. Sie unterrichten Deutsch, helfen bei Behördengängen, Arztbesuchen, schreiben an Rechtanwälte, sorgen für  finanzielle Unterstützung und vieles mehr. Das ehrenamtliche Engagement ist unendlich groß. Dafür ist den Ehrenamtlichen ein herzliches Vergelt‘s Gott  zu sagen. Unabhängig davon, wie sich die Zahlen entwickeln, werden auch weiterhin geflüchtete Menschen in unserem Land Schutz und Hilfe suchen. Und diese Zuwanderung wird unsere Gesellschaft verändern. Ob es eine Veränderung zum Guten oder zum Schlechten wird, hängt davon ab, ob sich unsere Bürgerinnen und Bürger als Aufnahmegesellschaft in ihrer Mehrheit offen und konstruktiv verhalten oder aber ablehnend und ausschließend. Es geht letztlich nicht um die Frage „Woher kommst Du?“ Die Frage muss lauten: „Wer bist Du?“ Wir müssen den einzelnen Menschen sehen, sein Recht auf ein menschenwürdiges  Leben und seinen unantastbaren  Anspruch auf die Wahrung seiner Menschenrechte. Ich denke, dass dies unser aller Herausforderung ist.

Welchen Beitrag kann die Diözese Rottenburg-Stuttgart dabei leisten?

Ludwig Rudloff:
Die Diözese und der Caritasverband der Diözese Rottenburg Stuttgart leisten sehr gute und großartige Arbeit. Mit der Entscheidung unseres Bischof Dr. Gebhard Fürst, im Oktober 2013 im Klosterbereich auf dem Martinsberg in Weingarten geflüchtete Menschen aufzunehmen, entstand in der gesamten Diözese eine Dynamik, die alles Vorherige in diesem Bereich übertroffen hat. In der Folge sind unter anderem viele Kooperationen mit Ordensgemeinschaften, Landratsämtern und anderen Behörden entstanden. Wir befassen uns dabei in ganz  unterschiedlicher Weise mit dem Thema. Angeregt durch den Ausspruch von Papst Franziskus, „Wir sind gefordert gegen eine Globalisierung der Gleichgültigkeit dem Nächsten gegenüber“, hat der der Diözesanrat schon im Herbst 2013 das Thema Flucht und Migration diskutiert. Daraus ist der pastorale Schwerpunkt „Teilhabe stärken und Ausgrenzung vermeiden“ entstanden. Fremde und Flüchtlinge aufnehmen und teilhaben zu lassen entspricht dem Handeln Jesu und unseres Diözesanpatrons, dem heiligen Martin.

Hilfe dieser Art muss man sich aber auch leisten können.

Ludwig Rudloff: Diözesanleitung und Diözesanrat haben für diese komplexen Aufgaben in mehreren Doppelhaushalten von 2013 bis 2019 über die regulären Haushaltmittel für caritative und weltkirchliche Aufgaben bisher 36 Millionen Euro bereitgestellt, davon alleine 34 Millionen Euro jeweils zur Hälfte für die Flüchtlingsarbeit im Bereich der Diözese und die Bekämpfung der Fluchtursachen weltweit. Dazu kommen noch weitere zwei Millionen Euro für Baumaßnahmen, um die Unterbringung geflüchteter Menschen zu ermöglichen.

Wie sieht die Bekämpfung der Fluchtursachen konkret aus?

Ludwig Rudloff: Die Diözese Rottenburg Stuttgart hilft in vielen Bereichen überall auf der Welt, schon am Entstehungsort des Elends Ursachen von Flucht und Vertreibung zu lindern oder zu verhindern. Ein Beispiel ist das Mercy House in Johannesburg, wo im Schwerpunkt Bildungsarbeit geleistet wird, vom Kindergarten über die Grund- und Oberschule bis zum Universitätsstudium und zur Arbeitsplatzvermittlung. Ein anderes Beispiel sind die Schulhilfen für geflüchtete Kinder und Jugendliche in der nordirakischen Stadt Dohuk. Kinder haben das Recht, die Schule zu besuchen und dafür setzen wir uns vor Ort ein. Bei einem anderen Projekt der Diözese geht es um die Aufnahme südsudanesischer Flüchtlinge in Norduganda, wofür es eine Willkommenskultur braucht, die wir fördern wollen.

In den Herkunftsländern muslimischer Flüchtlinge herrschen zum Teil Vorurteile gegenüber Christen, Frauen und Homosexuelle werden diskriminiert. Wie kann vor diesem Hintergrund die jetzt anstehende Integration gelingen?

Ludwig Rudloff: In unserem Land leben Christen und Muslime schon lange nebeneinander oder auch miteinander. Und diese Muslime sind in unserem Land aus meiner Sicht gut integriert. Hier hat sich auch untereinander eine Gesprächskultur entwickelt und es gibt da und dort regelmäßige Besuche oder Austauschforen. Bischof Gebhard Fürst spricht beispielsweise regelmäßig mit den Repräsentanten der muslimischen Verbände und Organisationen im Bereich der Diözese über aktuelle und grundsätzliche Fragen des Verbindenden und des Trennenden. Gleichzeitig ist es wichtig, Wissen über das Leben und den Glauben der Muslime zu vermitteln, was wir mit verschiedenen Bildungs- und Aufklärungsmaßnahmen versuchen. Die Herausforderung ist, im Miteinander einen Weg finden und keine Themen auszusparen. Es geht auch darum, sich gegenseitig zu respektieren und zu achten. Das ist ein permanenter Lernprozess für alle Beteiligten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ludwig Rudloff: Ich wünsche mir viele Begegnungen und Austauschmöglichkeiten mit Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern. Aber ebenso mit Menschen, die zu uns gekommen sind und über ihre Erfahrungen bei uns berichten können. Ich wünsche mir Geduld und die Gelassenheit, die auch für diesen nicht einfachen Prozess der Integration nötig ist. Mit Gottes Hilfe und dem großen Engagement unserer Bürgerinnen und Bürger wird vieles gelingen. Da bin ich zuversichtlich und voller Hoffnung.

Das Gespräch führte Markus Heffner