Kleine Sprachhilfen durch den Flüchtlingsalltag

Die Stadt Ravensburg hat zusammen mit dem Verein Tavir Willkommenskärtchen und ein Zeigebuch entwickelt, um Flüchtlingen den Start in das neue Lebensumfeld zu erleichtern. Zwischenzeitlich wollen auch zahlreiche andere Kommunen und Einrichtungen das Material nutzen.

Auf den ersten Blick sind es Selbstverständlichkeiten, die auf den Kärtchen zu sehen sind. Sie zeigen, dass man bei Rot an der Ampel stehen bleibt, dass an Fasching Masken und Kostüme getragen werden, dass Frauen und Männer in Deutschland die gleichen Rechte haben, Kinder  zur Schule gehen müssen und der Müll hierzulande getrennt wird. „Für uns sind das alles ganz normale Dinge des Alltags. Für viele Flüchtlinge ist es etwas ganz Neues, dass sie noch nicht kennen“, sagt Stefan Goller-Martin vom Amt für Soziales und Familie der Stadt Ravensburg.

Gedacht sind die Themen-Karten in erster Linie als Anleitung und Hilfestellung für die vielen Ehrenamtlichen, um ihnen auf diese praktische Weise zu erleichtern, mit den Asylbewerbern ins Gespräch zu kommen. „Mit diesem Kommunikationsmittel können sie erklären und zeigen, wie das Leben in Oberschwaben funktioniert, was unsere Kultur und Gesellschaft ausmacht“, sagt Goller-Martin. 47 solcher Willkommenskärtchen kann die Stadtverwaltung den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern nun an die Hand geben, was sich zwischenzeitlich schon vielfach bewährt hat, wie Goller-Martin betont. Konzipiert und entwickelt worden sind die unterschiedlichen Motive vom türkischen Akademikerverein Tavir, dessen Mitglieder sich schon seit vielen Jahren für Integration einsetzen. „Wir haben versucht, Dinge des Alltags so einfach wie möglich zu erklären“, sagte der Vorsitzende Yalçın Bayraktar.

Um auch den Flüchtlingen selber etwas in die Hand geben zu können, hat die Stadt Ravensburg gleichzeitig noch das Zeigebuch „point it for refugees“ entwickeln lassen. Es basiert auf den bereits bekannten Reisebildwörterbüchern für Touristen, einer praktischen Verständigungshilfe im Ausland. Nun hat der Dieter Graf Verlag für Ravensburg eine Sonderedition für Flüchtlinge aufgelegt, die auf 64 Seiten Fotos von Alltagssituationen, Lebensmitteln und wichtigen Gebrauchsgegenständen zeigt. „Wenn einem die Worte noch fehlen, ist dieses Büchlein ein überaus praktischer Begleiter“, sagt Sozialamtsleiter Goller-Martin.

Jeder Flüchtling im Gebiet der Stadt Ravensburg und im Bodenseekreis soll künftig bei seiner Ankunft in der neuen Heimat ein solches Zeigebuch bekommen, das bewusst möglichst klein gehalten wurde, damit es in jede Hemdtasche passt, so Goller-Martin. Knapp 180 Flüchtlinge leben derzeit alleine im Stadtgebiet Ravensburg, weitere 150 werden im Laufe des Jahres noch ankommen. Doch nicht nur deshalb muss die Stadtverwaltung schon jetzt über den Druck der nächsten Auflage nachdenken: „Die Resonanz aus dem ganzen Land ist riesig. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass wir sehr gute Erfahrungen mit den Materialien gemacht haben“, sagt Goller-Martin, bei dem sich fast täglich Integrationsbeauftragte, Ehrenamtliche, Vereine, Freundeskreise und  selbst Bürgermeister unterschiedlicher Kommunen und Städte melden, sogar aus Österreich und Italien. Fast 4000 Vorbestellungen für das Zeigebuch „point it“ liegen ihm bereits vor, für den Satz an Willkommenskärtchen gibt es weitere 2000 Vorbestellungen. „Eigentlich wollten wir unser Material gar nicht vermarkten“, sagt Stefan Goller-Martin. „Wir freuen uns aber, dass es nun von so vielen genutzt wird.“ (mh)