Deutschstunde – praxisnah und unterhaltsam

(Ettlingen) Ulf Rösler vom Arbeitskreis Asyl Ettlingen erzählt, wie er trotz schlechter Deutschnoten in der Schule jetzt Flüchtlingen seine Sprache beibringt.

Es geht hier nicht um die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz, sondern um die vergnügliche Geschichte, wie ich zwei moslemischen Asylbewerbern sowie einem Chinesen unsere Sprache ein wenig näher bringe und darum, Ihnen Mut zu machen, sich ebenfalls in dieser oder einer anderen Form in einem Arbeitskreis für Flüchtlinge zu engagieren. Seit Januar 2015 gehe ich meine ersten Schritte im Arbeitskreis Asyl Ettlingen. Ohne „Pegida“ hätte ich mich vermutlich nie von meiner bequemen Couch bewegt, um ein Zeichen für Menschlichkeit und gegen Ausgrenzung zu setzen. Dass ich irgendwann einmal Deutsch unterrichten würde, hätte ich nie geglaubt ...

Am Anfang durfte ich beim Deutschunterricht einer ehrenamtlichen Helferin dabei sein, um reinzuschnuppern. Zwei moslemische Asylbewerber aus Palästina (Mohammad) und Syrien (Mohamed) wurden in die Geheimnisse der deutschen Sprache eingeführt. Kurze Zeit später kam ein Chinese („Herr Chang“) hinzu. Keiner von ihnen hatte Deutsch in der Schule gehabt, keiner von uns Lehrern hatte je Arabisch oder Chinesisch gelernt. Die Verständigung begann mit einem einfachen Deutschbuch für Asylsuchende und Bilderbüchern für Kinder. Darüber hinaus konnten wir Dinge zeigen, aufmalen oder pantomimisch vorspielen. Dabei gab es viel Gelächter, weil unsere Darstellungsfähigkeit oder die Phantasie der Asylbewerber zu abenteuerlichen Interpretationen führte. So wurde eine „Garage“ von Herr Chang als „Auto-Haus“ beschrieben. Gut erkannt, fand ich. Aber das Zeigen aus dem Fenster der Flüchtlingsunterkunft zur benachbarten Mercedes-Niederlassung erklärte, was man eher unter einem „Autohaus“ versteht. Eine andere Bilderbuchseite zeigte einen Jungen im Badezimmer, der sich die Zähne putzt. Ein „Bademantel“ kam ins Spiel, weil er auf dem Bild zu sehen war. Einen „Mantel“ kannten unsere Freunde schon von der Lektion über Kleidungsstücke. Aber warum zieht man einen Mantel zum Baden an? Schließlich sah man auf der Seite auch noch eine „Seife“. Ich weiß nicht, wie Herr Chang darauf kam, aber er zeigte mir in seinem Übersetzungscomputer das Wort „Parfüm“. Ähnlich wie beim „Auto-Haus“ lag er nicht ganz daneben, aber wie mache ich ihm klar, dass Parfüm nicht gleich Seife ist? Fragen Sie mich nicht nach der Lösung – auf jeden Fall war sie lustig.

Einige Wochen später war es so weit: Die eigentliche Lehrerin konnte den Unterricht an diesem Tag nicht übernehmen. So hatte ich meine Feuertaufe als Deutschlehrer. Ich überlegte mir drei Dinge, mit denen unsere Freunde Probleme hatten. Das waren der Kalender, Zeitabschnitte wie „diese Woche“, „nächste Woche“, „übermorgen“, „vorgestern“ und Rechenaufgaben wie „geteilt“, „plus“, „minus“ und „mal“. Mit den Zeitangaben kamen sie gut zurecht. Eine Grafik, die vorher und nachher erklärte, half ihnen, die zeitlichen Zusammenhänge zu verstehen. Was mich überraschte war der Hinweis von Herr Chang, dass ich mich bei den dann folgenden Rechenaufgaben verrechnet hätte. Er hatte zwar Probleme mit der Aussprache, aber viel Freude daran mir zu zeigen, dass ich nicht richtig rechnen konnte. :)

Unterricht im Klassenzimmer ist öde, daran erinnerte ich mich aus der Schulzeit. Immer wenn das Wetter schön war, versuchten wir unseren Lehrer zu überzeugen, draußen auf dem Rasen zu lernen. In diesem Sinne – und weil zur Integration auch die Erkundung der Umgebung gehört – verabredeten wir uns für die nächste Woche vor dem Ettlinger Schloss, um auf den Spuren eines historischen Stadtrundgangs zu wandeln. Ich war gespannt, ob meine Schüler Ort und Zeitpunkt verstanden hatten. Als ich kurz vor dem Treffen auf dem Handy eine Nachricht erhielt „wo ich denn bliebe“, konnte ich sicher sein, dass sie wie verabredet dort sein würden. Auf unserem Rundgang muss ich verschiedenste Vokabeln erklären, wie den „Schlosshof“. Sofort sagt der Syrer „Bahnhof“. Richtig, auch dort gibt es den „Hof“. Später kommt dieser auch noch im „Badischen Hof“ vor. Seltsam, warum mache ich mir im täglichen Leben nie Gedanken über diese Worte? Meine Freunde helfen mir, meine eigene Sprache neu zu entdecken.

Nächster Haltepunkt ist der „Rosengarten“, aber ohne „Rosen“ oder zumindest ohne „Rosenblüten“. Der Chinese scheint die „Rosen“ trotzdem zu erkennen. Natürlich sind es bei ihm eher „Losen“, aber er wird immer besser mit der Aussprache des „R“. Die Zunge versucht dabei sichtbar alle möglichen Regionen seines Mundes zu erreichen, um annähernd den Laut eines „R“ zu erzielen. Wenn ich bedenke, dass die Chinesen Silben wie „qi“ in vier verschiedenen Betonungen und Tonhöhen aussprechen können und diese dann vollkommen unterschiedliche Bedeutungen haben, dann denke ich, dass ein deutsches „R“ alles andere als eine herausragende Sprachkunst darstellt ... Meinen Respekt hat er auf jeden Fall, vor allem weil er sich durch mein Lachen, das nicht böse gemeint ist, nicht entmutigen lässt!

Wir kommen an einem Reisebüro vorbei. Der eifrige Herr Chang liest laut vor was er vor sich sieht. Warum man an das Wort „Reis“ noch ein „e“ hängt versteht er zunächst nicht. Aber auch hier erklärt ihm sein Übersetzungscomputer, dass es sich nicht um einen Lebensmittelladen handelt. Er muss selber herzlich lachen. Der Syrer hat weniger das Problem mit dem „Reis“ als vielmehr mit dem Verständnis, dass man in die Türkei als Urlauber reist, wo momentan noch seine Frau und seine sechs Kinder darauf warten als Asylsuchende, teilweise ohne Papiere, nach Deutschland ausreisen zu dürfen. Dieses Problem kann kein Sprachunterricht lösen.

Das Rathaus wird von meinen Freunden zunächst als möglicher Wohnsitz der Kirche identifiziert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihnen erklären konnte, wer der wahre Hausherr ist. Aber zumindest hatte ich kurz darauf die Chance, einem der Moslems und dem Chinesen, dessen Glauben ich nicht kenne, eine Kirche von innen zu zeigen. Wir hörten den Kirchenchor proben. Die beiden waren sichtlich beeindruckt vom Gesang, den Gemälden und dem Ambiente der Kirche. Als einer von ihnen sich in eine Bankreihe setzte und seine Füße auf die Betbank vor sich stellte, zeigte ich den beiden wofür diese eigentlich gedacht ist. Mit einem Lächeln bedankten sie sich für die Erklärung. Das brachte mich auf die Idee, bei einer der nächsten Exkursionen eine Moschee zu besuchen.

Für den nächsten Samstag haben wir uns wieder vor dem Schloss verabredet. Dann möchte ich mit ihnen auf dem Ettlinger Wochenmarkt Gemüse einkaufen und anschließend in der Flüchtlingsunterkunft eine klare Gemüsesuppe kochen. Nur gut, dass sie nicht wissen, dass ich außer Deutsch unterrichten auch nicht kochen kann :)