Ehrenamtliche Begleitung von traumatisierten Flüchtlingen

Viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind traumatisiert von Erlebnissen in ihrem Heimatland oder während ihrer Flucht. Traumatisierte Menschen brauchen eine professionelle Betreuung, zum Beispiel bei einem der fünf Psychosozialen Zentren in Baden-Württemberg. Ehrenamtliche können ihnen jedoch helfen, indem sie sie im Alltag begleiten.
Manfred Hilsenbeck aus Blaustein bei Ulm ist einer von ihnen. Er hat für das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU) mehrere Jahre lang jugendliche Flüchtlinge betreut, die dort in psychotherapeutischer Behandlung waren, und berichtet von seinen Erfahrungen.
Regina Kurth ist psychologische Psychotherapeutin und therapeutische Leiterin des BFU. Sie gibt Tipps, was Ehrenamtliche im Umgang mit Traumapatientinnen und -patienten beachten sollten.

Manfred Hilsenbeck, ehemaliger Ehrenamtlicher beim Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm:

Ich habe O. aus Westafrika kennengelernt als er 16 Jahre alt war. Er ging in die Hauptschule, später dann in die Berufsschule und lebte in einer Jugendhilfeeinrichtung in Ulm. Ich habe ihn bei Behördengängen begleitet und ihm bei seinen Hausaufgaben geholfen. Dabei ging es vor allem darum, sprachliche Sachverhalte zu klären und ihn beim Deutsch lernen zu unterstützen. O. war ohne ein Wort Deutsch zu können auf mir bis heute unbekannten Wegen zu uns gelangt. In seinem Herkunftsland hatte er keinen Ansprechpartner mehr. Er lernte die Sprache schnell und baute sich sehr umsichtig einen persönlichen Freundeskreis auf.

Ich habe O. ungefähr drei Jahre lang begleitet. Heute arbeitet er als Siebdrucker. Er hat sich gut integriert und eine tolle berufliche Entwicklung hinter sich. O. ist ein sehr guter Drucker und bekommt von seinem Chef verantwortungsvolle Aufgaben übertragen. Inzwischen hat er auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hat sich Urlaub zusammengespart und sein Heimatland besucht. Mit mühevoller Recherche hat er dort einen Teil seiner Familie wiedergefunden und sogar eine Ehefrau, um deren Ausreise er sich bemüht. Er sagt, wenn es für ihn eine Perspektive gäbe, würde er in seine Heimat zurückkehren.

Mein Kontakt zu O. ist bis heute nicht abgerissen, allerdings treffen wir uns nur selten, da er beruflich sehr eingespannt ist. Er meldet sich immer dann, wenn es viel Neues zu berichten gibt. Bei O. habe ich staunend erlebt, was man mit einer gewissen Strenge gegen sich selbst alles erreichen kann. Er hat sich mehrfach dankbar geäußert, dass er durch die Therapie beim BFU gelernt habe, mit den immer wieder auftauchenden traumatischen Bildern so umzugehen, dass dadurch sein Leben nicht allzu sehr beeinträchtigt wird.

Hilfe beim Lernen und bei den Hausaufgaben

Mein anderer Jugendlicher, M. aus dem Irak, war 14 als ich ihn kennenlernte. Seine Eltern lebten getrennt, waren aber beide in der Nähe. Er war für mich ein Phänomen, da er noch nie eine Schule besucht hatte und zum Beispiel keine Uhr lesen konnte, sich im Alltag aber dennoch gut zurechtfand. Ich hielt M. für sehr intelligent, besonders, was seine praktisch-handwerklichen Fähigkeiten betraf, aber ein Schultest fiel so schlecht aus, dass er eine Förderschule besuchen musste. Seine kognitiven Fähigkeiten waren weit zurückgeblieben, oft hat er nicht verstanden, was man von ihm will.

Ich habe auch ihn etwa drei Jahre lang bei Behördengängen begleitet und ihm regelmäßig bei den Hausaufgaben geholfen. Da M. wenig Geduld hatte und sich nur kurze Zeit konzentrieren konnte, habe ich mit ihm sehr spielerisch gelernt. Auch bei ihm ging es hauptsächlich um sprachliche Dinge. Wichtig war, dass ich ihm zu Erfolgserlebnissen verholfen habe und nur in kleinen Häppchen mit ihm gelernt habe. Er hat viel Ermutigung gebraucht und neigte dazu, schnell frustriert abzubrechen. Nach dem Ende der Therapie vereinbarte ich mit M., dass er sich bei Bedarf jederzeit melden kann. Das hat er bisher nicht gemacht. Er freut sich aber immer sehr, wenn wir uns zufällig begegnen. Heute macht er das, was er schon immer machen wollte: Er arbeitet in einer Autowerkstatt. Für Autos hatte er von Anfang an geschwärmt.

Eigene Erwartungen hintanstellen

Während der ehrenamtlichen Begleitung gab es eine Grenze, an der es nicht mehr weiterging. Ich konnte M. einfach nichts mehr beibringen und er wollte und konnte nichts mehr aufnehmen. Das war sehr frustrierend für mich, denn ich wusste nicht, warum das so ist, denn ich hielt ihn ja für intelligent. Damals hätte es mir geholfen, wenn mir die behandelnden Psychotherapeuten erklärt hätten, dass nicht alle seine Fähigkeiten gleich stark ausgeprägt sind. Oder dass er sich nicht gut auf neue Dinge konzentrieren kann, weil er auf verschiedenen Ebenen zu belastet ist.

Sehr wichtig war, dass ich mich immer als Begleiter verstanden habe, der Angebote macht, aber kein Programm anbietet. Ich habe die Jugendlichen immer selbst auf mich zukommen lassen mit ihren Interessen und Ideen was sie machen möchten. Das hat gut geklappt. Wenn ich dagegen Vorschläge gemacht habe, hat dies den Jugendlichen oft nicht gefallen. Man sollte daher die eigenen Vorstellungen und Erwartungen zurückstellen und keinen Druck ausüben. Es ist besser, abzuwarten und zu schauen, was sich ergibt und was möglich ist. Das Wichtigste ist, dass die Jugendlichen so sein dürfen wie sie sind und dass sie sich akzeptiert fühlen.

Wichtig war für mich die Information durch die behandelnden Psychologen des BFU, dass ich die Jugendlichen einfach lassen und auf keinen Fall nachbohren soll, wenn ich mit ihren Traumata und entsprechenden Reaktionen konfrontiert werde. Im Notfall konnte ich natürlich dem BFU Bescheid geben. Das hat mir als Sicherheit genügt und ich habe diesbezüglich nie Schwierigkeiten gehabt. Mir hat die Arbeit mit den Jungs viel Spaß gemacht.

 

Tipps für den Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen von Regina Kurth, psychologische Psychotherapeutin beim BFU:

Grundsätzliches:

  • Entdeckt man bei einem Menschen einen Hinweis auf eine psychische Belastung, sollte man ihm empfehlen, zum Hausarzt oder zum Psychiater zu gehen.
  • Ehrenamtliche Arbeit muss immer in ein professionelles Netzwerk eingebunden sein.
  • Jeder macht nur das, wofür er ausgebildet und kompetent ist. Alles andere überlässt man den entsprechenden Fachkräften.

Notwendige Haltung bei der Arbeit mit komplex traumatisierten Menschen:

  • Die eigene Aufgabe muss klar definiert und begrenzt sein, zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung, Begleitung zu Behörden, Freizeitaktivitäten, Kinderbetreuung während der Therapiesitzungen.
  • Der Klient ist nicht nur Opfer, sondern vor allem Überlebender; er hat eigene Ressourcen, die er aktivieren muss. Er entscheidet selbst was er möchte und was nicht.
  • Alle arbeiten auf Augenhöhe zusammen und geben dem Klienten Hilfe zur Selbsthilfe. Kooperation statt Konfrontation, die Behörden eingeschlossen.
  • Der Ehrenamtliche muss aushalten, dass es bei vielfältigen Problemlagen über eine längere Zeit zu keiner oder nur zu einer geringfügigen Verbesserung kommen kann.

Das sollte man unbedingt vermeiden:

  • Die Vorstellung, dass der Klient das Opfer ist, andere die Täter und man selbst sein Retter.
  • Sich für alles verantwortlich fühlen.
  • Überstürzt handeln nach dem Motto „Ich muss jetzt sofort etwas tun, egal was“.
  • Alles selbst zu machen anstatt zu überlegen, an wen man welche Aufgabe abgeben sollte (Ärzte, Sozialarbeiter, Behörden ...).
  • Den Klienten über das Erlebte befragen.

Mögliche Folgen bei Nichtbeachtung:

Für den Klienten:

  • Er bekommt nicht das, was er braucht
  • Er macht sich falsche Hoffnungen
  • Die Symptomatik kann sich verschlechtern und es kann zu einer suizidalen Krise kommen, wenn der Klient seine traumatischen Erlebnisse ohne professionellen Schutz erzählt.

Für den Helfenden:

  • Frustration
  • Ausbrennen
  • Es kann zu einer sekundären Traumatisierung kommen

Wenn Sie traumatisierte Flüchtlinge im Alltag begleiten möchten, können Sie sich an refugio stuttgart oder Refugio Villingen-Schwenningen wenden. Beide Psychosozialen Zentren bereiten die Ehrenamtlichen in Schulungen auf ihre Aufgabe vor und betreuen sie während ihrer Tätigkeit durch Gesprächsrunden und Supervision. Eine Voraussetzung für Ihren Einsatz ist, dass Sie bereit sind, sich längerfristig zu engagieren und an den begleitenden Treffen teilzunehmen.