Eine Achterbahn der Gefühle

Überall im Land engagieren sich Menschen ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Die Erfahrungen, die sie dabei jeden Tag aufs Neue machen, fallen ganz unterschiedlich aus. Die positiven Eindrücke überwiegen, mit der Betreuung und Begleitung von Menschen aus anderen Kulturkreisen sind aber auch frustrierende Erlebnisse verbunden. Zwei Flüchtlingshelferinnen aus Obersulm berichten von ihren Erfahrungen.

Angefangen hat alles mit einem vorsichtigen Hineinschnuppern in einen ehrenamtlichen Deutschkurs für Asylbewerber Anfang 2015. Dann ging es schon bald Schlag auf Schlag. Bis heute haben wir insgesamt neun Familienpatenschaften übernommen und inzwischen auch wieder vier davon abgegeben, bedingt durch freiwillige Ausreise, zwangsweise Umsiedlung und auch durch mangelnde Kooperationsbereitschaft.

Die Arbeit nimmt sehr viel Zeit in Anspruch

Bei den meisten Familien stand zunächst das Deutsch lernen ganz oben, der Bildungsstand war dabei ganz unterschiedlich: Von Analphabetismus ohne jeglichen  Schulbesuch in der Heimat bis hin zu guten Englischkenntnissen und Studium im Heimatland. Darüber hinaus haben wir die Geflüchteten unter anderem zu Ärzten und Geburten begleitet, haben Briefe erklärt und bearbeitet, haben Flüchtlinge in Praktika und Arbeit vermittelt, ihnen bei der Wohnungssuche und in vielfältigen Problemsituationen geholfen. Einen besonderen Schwerpunkt unserer Arbeit haben wir auf die Vermittlung von Kindern in Sportvereine und Musikschulen gelegt.

Diese vielfältigen Aufgaben mit oft unbekannten Anforderungen haben natürlich sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Im zweiten Halbjahr 2016 hat das Engagement zeitweise den Umfang einer Halbtagsbeschäftigung angenommen, in manchen Wochen nahezu den einer Vollbeschäftigung. Das Wissen für diese Arbeit haben wir uns hauptsächlich durch „learning by doing“ angeeignet.

Gegenseitige Motivation

Zeitgleich haben wir aber auch zahlreiche Fortbildungen besucht, um unser Wissen ständig zu vertiefen und den Geflüchteten immer besser helfen zu können. Bei diesen Fortbildungen wurden uns sehr viele wertvolle Informationen vermittelt. Allerdings hatten wir oft schon selbst Erfahrungen in den jeweiligen Bereichen gemacht. Häufig kamen die Fortbildungen fast etwas zu spät.

Die Arbeit mit den Geflüchteten hat sich im Laufe der Zeit wesentlich verändert. Wir versuchen, die Geflüchteten immer mehr in die Selbständigkeit zu entlassen. Wir besuchen sie seltener und kommunizieren immer mehr über Telefon oder WhatsApp. So lassen sich inzwischen viele Fragen und Probleme schneller erledigen. Wir erledigen diese vielfältigen Aufgaben gerne und helfen aus Überzeugung. Wie aufreibend und kräftezehrend das Engagement aber auch sein kann, das haben wir im Laufe der Zeit immer wieder erfahren. Wir waren oftmals nahezu am Ende unserer Kräfte und haben uns gegenseitig motoviert. Es war und ist immer noch eine Achterbahn der Gefühle.

Welche Freude:
Wenn ein zehnjähriger fußballbegeisterter Junge das erste Mal – über das ganze Gesicht strahlend – einen Pokal bekommt!
Wenn die drei Kinder einer Familie, die an eine Sonderschule wechseln mussten, endlich nach intensiver Nachhilfe die ersten Fortschritte zeigen!
Wenn die Zwangseinweisung an einen weiter entfernten Ort auf unsere Intervention hin wenigstens bis zum Schuljahrsende verschoben wird!

Aber auch welche Enttäuschung und Frustration:
Wenn Geflüchtete die angebotenen Hilfen (Nachhilfe, Sport- und Musikschulangebote…) teilweise so wenig wertschätzen, einfach nicht regelmäßig wahrnehmen oder ganz abbrechen!
Wenn gut erhaltene gespendete Sachen einfach nicht geachtet werden!
Wenn eine Familie mit fünf Kindern nach zweieihalb Jahren vor Ort an einen weiter entfernten Wohnort zwangseingewiesen wird - und die Meinung der Ehrenamtlichen so gar nicht berücksichtigt wird!

Das ist dann manchmal sehr schmerzhaft für uns. Und da brauchen wir einen festen Rückhalt und ein Netz, das uns auffängt.

Der Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung

Und eine Sache bewegt uns noch sehr. Seit vielen Jahren setzen sich Tausende ehrenamtliche Flüchtlingshelfer engagiert und mit viel Zeitaufwand für eine gelingende Integration von Geflüchteten ein, ab und zu erhalten sie einen herzlichen Dank. Aber wo bleibt eine wirkliche Anerkennung und Wertschätzung? Wo bleibt eine finanzielle Aufwandsentschädigung oder eine Vergünstigung für Menschen, die oft selbst nicht so viel Geld zur Verfügung haben? Wir finden: Es wird endlich Zeit für eine angemessene Honorierung für ein dauerhaftes ehrenamtliches Engagement!

Nadine Antabli und Ursula Ruppert-Antabli, Obersulm