Unterstützerkreis Asyl Achberg zeigt Mut zur Nähe

(Achberg) Claudia Hellwig berichtet von ihrer Motivation zu helfen, ihren Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit und den vielen Aktionen des Unterstützerkreis Asyl Achberg im Landkreis Ravensburg.

Vorgeschichte:
Im Mai 2014 erfolgte ein Aufruf im Achberger Gemeindeblatt, ob es
Menschen gibt, die den angekündigten Asylsuchenden Unterstützung
zukommen lassen wollen. Dem vorausgegangen war eine Versammlung mit
hitzigem, emotionalem Verlauf von Kritikern und Gegnern im Ort. Diesem
Aufruf folgten mehrere Bürgerinnen und Bürger. Es bildete sich der
„Unterstützerkreis Asyl“ mit Vernetzung zu den umliegenden Kreisen, und
es folgten monatliche Treffen. Im August 2014 bezogen 18 Männer aus
Gambia im Alter zwischen 18 und 30 Jahren die Unterkunft in
Achberg-Liebenweiler.

Meine Motivation zur Arbeit im Unterstützerkreis Asyl:

Auf vielen Reisen rund um den Erdball durfte ich Gastfreundschaft
erfahren.

Das Leben zeigte auch mir einmal, wie es sich anfühlt, ohne äußeres
Zuhause zu sein, in einem Rucksack nur das Nötigste dabei zu haben, und
um einen Platz zum Schlafen zu bitten. Ich kenne emotionale Nacktheit
und darf weitergeben, was ich bekommen habe.

Als Mutter einer vierjährigen Tochter ist es mir und meinem Mann wichtig,
ihr Vorbild für Offenheit, Respekt und gelebte Hilfsbereitschaft zu sein.

Die Überlebenden und Hinterbliebenen der jüngeren Geschichte unseres
Landes wissen, was Bedrohung, Gewalt, Todesangst, Hunger und Flucht
bedeuten. Durch achtsame Begegnung mit Menschen in ähnlicher Situation
können wir gemeinsam unsere Traumata überwinden.

Mein persönliches Resümee nach einem Jahr:
Es ist eine herzliche, gegenseitig wertschätzende Beziehung gewachsen
zur Mehrzahl der 18 jungen gambischen Männer, die vorübergehend hier
„Heimat“ finden. Wir haben gemeinsam um ertrunkene Landsleute getrauert,
Ängste und Nöte geteilt, gefeiert, getanzt, gelacht, gelebt. Wir
profitieren voneinander, wachsen und werden miteinander reicher. Ich
liebe sie in einer schwesterlichen Qualität. Da lieben auch „gehen
lassen“ beinhaltet, sehe ich hier eine Lernerfahrung für mich und bin in
Verbundenheit mit ihnen zu jeder Zeit, an jedem Ort.
Ich darf an ihren Geschichten, ihrer Kultur, ihrem Wissensschatz, ihren
Ritualen teilhaben. Wir sehen ausgewählte Filme an und besuchen
kulturelle Veranstaltungen. Ich vermittle Job-Angebote aus der Zeitung,
fahre sie zu Vorstellungsgesprächen, stehe bei Unklarheiten zur Seite.
Da die Bushaltestelle in der Nähe liegt, fragen sie gelegentlich nach
Großeinkäufen höflich an, ob ich ihre Taschen und Getränke in die etwas
abgelegene Unterkunft fahren könne. Während unseres Urlaubs versorgten
sie den Garten und hießen uns nach unserer Heimkehr aufs Herzlichste
willkommen.

Unsere vierjährige Tochter liebt nach anfänglicher Unsicherheit und Wut
über den Kontrollverlust („Mama spricht in einer fremden Sprache“) die
„englischen Männer aus Gambia“. Sie reflektiert, dass es Menschen gibt,
die unterschiedlich aussehen, unterschiedlich sprechen. Dass es nicht
allen Menschen materiell so gut geht wie uns. Sie erfährt, dass wir in
unserer Familie teilen, was wir haben, dass etwas zurückkommt, wenn man
Ängste überwindet und das Herz füreinander öffnet. Sie möchte die jungen
Männer von sich aus besuchen und Zeit mit ihnen verbringen. Da viele von
ihnen aus Großfamilien mit jüngeren Geschwistern stammen, sind sie
liebenswürdig und spielen gerne mit ihr. Durch Kinderspiele wie „Memory“
lernen sie Deutsch: „das Auto, der Apfel, die Blume“. Inzwischen lesen
ihr die Jungs erste, einfache Bilderbücher auf Deutsch vor.

Innerhalb des Unterstützerkreises stellte sich heraus, dass wir
unterschiedliche Qualitäten haben: Die einen können sehr gut
organisieren, Deutschunterricht geben, gebrauchte Computer besorgen etc.
und wirken lieber von außen, die anderen sind gerne direkt im Haus tätig
und bauen zum Beispiel Regale auf. Das ist die Kraft und Stärke eines
solchen Kreises, dass sich jede in ihrer/jeder in seiner Qualität
einbringen kann, dass es einen engeren und einen weiteren Kreis gibt.

Innerhalb unserer Dorfgemeinschaft sind mir gegenüber sowohl
Distanzierungen, als auch überraschende, neue, interessante Kontakte
entstanden, mit Menschen, die ich zuvor nicht kannte.

Es gehört zwischenzeitlich zum lebendigen Dorfbild, dass die jungen
Männer vorbeiradeln, freundlich winken und grüßen, in den Gärten Rasen
mähen, Unkraut jäten oder beim Fenster putzen, beim Umzug oder
Kellerentrümpeln im Rahmen der Nachbarschaftshilfe mithelfen.

Sehr hilfreich finde ich den Deutschunterricht und dass die jungen
Gambier ihr Land in der Schule vorgestellt haben. Ebenso wertvoll ist,
dass ein Lehrer den Flüchtlingen mehrere Djembe-Trommeln dauerhaft
ausgeliehen hat. Die Trommeln ermöglichen eine Kommunikation in ihrer
Sprache, aus ihrer Kultur heraus in der internationalen Sprache der
Musik, des Tanzes, der Herzen.

Aktionen unseres Unterstützerkreises:

  • engagierter ehrenamtlicher Deutschunterricht 3x pro Woche in der
    Schule sowie  zusätzlicher Unterricht für Fortgeschrittene und
    Analphabeten in spezifischen VHS-Kursen in Wangen

  • Vorstellung des Herkunftslandes Gambia in einem Schulprojekt

  • Vorstellung des Herkunftslandes Gambia in einem Kulturzentrum

  • nahezu täglicher Besuch einer Mama (mit gleichaltrigen Jungs) in der
    Unterkunft, um nach dem Rechten zu sehen (und gegebenenfalls auf
    Fußboden-Hygiene oder Fahrradfahren mit Helm und bei Dunkelheit mit
    Licht aufmerksam zu machen)

  • Fahrrad-Sicherheitstraining

  • sammeln von Kleiderspenden und gezielt benötigten Gegenständen

  • Bowle- und Sekt-Verkauf beim Achberger Abendmarkt

  • Aufruf des Bürgermeisters im Amtsblatt zur Nachbarschaftshilfe, zum
    Beispiel Rasen mähen, jäten

  • Integration in Sportvereine (Fussball, Volleyball)

  • Teilnahme an und Veranstaltung von Sportveranstaltungen,
    Fußballturnieren, Wangener Stadtmarathon

  • gambischer Trommel-Weihnachtsgruß vor der Schule

  • regelmässige Treffen und hinterfragen der Motivation und Aktivitäten
    unseres Kreises (Hilfe zur Selbsthilfe! Gutes Maß hinsichtlich der
    gesamten Achberger Bevölkerung!)

  • Fit-for-Job-Training

  • Patenschaften für Arbeitssuchende

  • Kässpätzle-Essen von Achberger Jugendlichen für die gambischen Jungs

  • Einladung und Begleitung zu kulturellen Veranstaltungen wie zum
    Beispiel Adventskonzert im Ort, Generationen-Konzert in Lindau,
    Meditatives Tanzen, Familienaufstellungen, Schwitzhütten

  • gemeinsames Gestalten von Festen (Wintersonnenwende,
    Lichterweg-Wanderung, Fasching, Schulfest)

  • regelmässiges gemeinsames Mantra-Singen, Trommeln, Tanzen

  • Afrikanisches Bekocht-Werden von den Jungs