Tübinger Initiative setzt sich für sicheres Schwimmen ein

Die Tübinger Initiative „Schwimmen für alle Kinder“ hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Flüchtlinge in Schwimmkurse zu vermitteln und sie zum bronzenen Schwimmabzeichen zu führen. Was im kleinen Rahmen begonnen hat, ist dank des großen ehrenamtlichen Engagements der Beteiligten zum Erfolgsmodell mit ständig steigenden Teilnehmerzahlen und neuen Zielen geworden.

Konzipiert worden ist das Projekt im April 2015 eigentlich für rund 20 Kinder im Jahr, die nicht sicher genug oder gar nicht schwimmen können. Zwischenzeitlich werden von der ehrenamtlichen Initiative aber längst auch Kurse für Jugendliche und junge Erwachsene in viel größerem Umfang vermittelt. Im Laufe der Zeit seien immer mehr Anfragen von verschiedenen Seiten und Einrichtungen dazu gekommen und man habe sich daher auch für andere Zielgruppen geöffnet, erzählt Projektleiterin Dagmar Müller, die der Motor der Initiative ist und deren Herz. „Wir haben offene Türen mit unserer Idee eingerannt“, sagt sie.

Viele kommen schon eine Stunde früher ins Bad

Alleine über 400 Kinder sind seit Projektbeginn vor zweieinhalb Jahren in Schwimmkurse vermittelt worden, mehr als 250 davon sind nun stolze Besitzer eines Seepferdchens. Knapp 170 haben zudem das Schwimmabzeichen in Bronze gemacht, das nach der Einschätzung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) als Garant für sicheres Schwimmen gilt. Doch nicht nur im Wasser fühlen sich die Kinder hinterher wohler und sicherer: Mit den neu erlernten Fähigkeiten steigt zudem auch das Selbstbewusstsein - insbesondere auch bei den Mädchen, die oftmals aus Ländern wie dem Irak kommen, in denen vorzugsweise Jungs schwimmen lernen dürfen. Gleichzeitig sind die Schwimmstunden auch noch eine Art gelebte Integration, weil die Kurse ganz bewusst für Flüchtlingskinder und auch Kinder aus benachteiligten Familien angeboten werden. Ein Aspekt, der den Initiatoren  besonders wichtig ist. „Viele sind so motiviert, dass sie schon eine Stunde vorher im Bad sind“, erzählt  Alexandra Geiger-Garçia, die aus Spanien kommt, früher Leistungsschwimmerin war und heute zum Trainerstab des Projekts „Schwimmen für alle Kinder“ gehört. „Schwimmen zu können bedeutet ein Stück mehr Lebensqualität. Man wird in der Sportstunde oder im Freibad nicht mehr ausgeschlossen“, sagt sie.

Kurse werden mit Spendengeldern finanziert

Mehr als 40 Schwimmlehrer und Trainer von der DLRG, dem Tübinger Schwimmverein und verschiedenen Schwimmschulen engagieren sich zwischenzeitlich ehrenamtlich in dem Projekt. „Wir arbeiten nur mit ausgebildeten Kräften zusammen“, betont Dagmar Müller. Dank ihres Einsatzes und der Unterstützung zahlreicher weiterer freiwilliger Helfer konnten die Kosten für die Kurse immer weiter gesenkt werden. Für ein Seepferdchen kalkulieren die Initiatoren zwischenzeitlich rund 300 Euro ein, etwa 450 Euro fällt für die Schwimmsicherheit mit dem Bronzeabzeichen an. Finanziert wird das Projekt zum überwiegenden Teil  von Spendengeldern, um die unter anderem mit Patenschaften geworben wird. Zu den Geldgebern gehören neben vielen privaten Sponsoren auch die Stadt Tübingen sowie die Tübinger Stadtwerke, die im Februar letzten Jahres zu einer Unterstützeraktion aufgerufen und den eingesammelten Betrag hinterher noch verdoppelt hatten. 32.000 Euro konnten auf diesem Weg für das Projekt eingesammelt werden. „Mit diesem Geld konnten mehr als 70 Kinder und Jugendliche bis zum Bronzeabzeichen schwimmen lernen“, sagt Dagmar Müller, die unermüdlich um jeden Euro wirbt, der in den Schwimmunterricht fließen kann. „Schwimmkurse geben den Ferien Inhalt und machen sie zu einem besonderen Erlebnis für die Kinder“, betont sie: „Für diese Weihnachtsfreuden bitten wir herzlich um finanzielle Unterstützung."

Der Bedarf steigt ständig

Dass heutzutage mehr als 50 Prozent der Kinder nicht schwimmen können, wenn sie die Grundschule verlassen, hat die ehemalige Marketing-Spezialistin auf die Idee mit den Schwimmkursen gebracht. Zusammen mit ihrem Mann, der sich in Tübingen auch am Runden Tisch Kinderarmut engagiert, hat sie dann weitere Mitstreiter angeworben, Kontakte geknüpft und die ersten Kurse organisiert. Anfangs sei sie vielfach großer Skepsis begegnet, überhaupt freie Bahnen in Schwimmbädern zu bekommen, erzählt sie. Heute seien die Kurse in einigen Bädern etabliert und der Bedarf steige ständig. Als eine der ersten Einrichtungen hatte sich damals der Flüchtlingsrat gemeldet, nachdem es vermehrt zu Badeunfällen gekommen war. „Es ist eine furchtbare Tragödie, wenn Menschen im Schlauchboot tagelang über das Mittelmeer flüchten und dann im Freibad ertrinken“, so Dagmar Müller. 

Das Bronzeabzeichen als Standard für Grundschüler

Auch unter ihren Schützlingen sind Kinder und Jugendliche, die fast ertrunken wären, zwischenzeitlich aber absolut schwimmsicher sind. Einer der ehemaligen Teilnehmer, ein Flüchtling aus dem Iran, hat sogar eine Ausbildung zum Trainerassistenten gemacht und absolviert nun zusammen mit anderen talentierten Schwimmern bei der DLRG eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer. Eine Erfolgsgeschichte unter vielen schönen Beispielen, die dazu motivieren, noch mehr zu erreichen. Das ambitionierte Ziel von Dagmar Müller ist es,  „dass alle Kinder nach der Grundschulzeit schwimmsicher sind“, wie sie sagt. Noch ist es eine Vision, die vor kurzem aber immerhin ein Stückchen näher gerückt ist. Mit viel Überzeugungskraft hat sie es geschafft, dass an der Tübinger Silcherschule in Kooperation mit dem Tübinger Schwimmverein ein Pilotprojekt gestartet wurde, das bis Sommer nächsten Jahres läuft und von der Initiative finanziert wird. „Am Ende sollen ausnahmslos alle Grundschüler das Bronzeabzeichen vorzeigen können“, sagt Dagmar Müller: „Das wäre ein großer Schritt auf unserem Weg.“