Jugendliche Flüchtlinge: Gastfamilien helfen bei der Integration

(Stuttgart) Die Zahl der Menschen, die ihre Heimat aufgrund von Krieg, Misshandlungen, Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit verlassen, ist nach wie vor hoch. Doch es sind nicht nur Erwachsene und Familien, die sich auf den weiten Weg machen. Immer mehr Kinder und Jugendliche, vor allem Jungs, werden von ihren Eltern alleine losgeschickt, in der Hoffnung, dass wenigstens ein Familienmitglied in Sicherheit ist und die Chance auf eine Zukunft hat. Von Januar bis Ende September 2015 sind allein in Stuttgart 613 unbegleitete Jugendliche angekommen. Einer von ihnen ist Ahmad aus dem Norden Afghanistans.

„Wie geht es Ihnen?“ Freundlich lächelnd kommt Ahmad auf mich zu, gibt mir höflich die Hand. Gerade ist er von seinem Deutschkurs nach Hause gekommen. „Gut, aber wie geht es dir?“ „Auch gut.“ Das sagt ausgerechnet er, der so viel durchgemacht hat im vergangenen halben Jahr. Aber jetzt, seit Anfang Oktober 2015, scheint er tatsächlich angekommen zu sein: bei Andrea Peter und ihren Kindern in Stuttgart-Heslach, seiner Gastfamilie. Natürlich interessiert mich, warum ein 16-Jähriger seine Eltern und Geschwister in der Heimat zurücklässt und sich alleine nach Deutschland durchschlägt. Rund 6.500 Kilometer sind es von Masar-e Scharif, der viertgrößten Stadt Afghanistans, bis nach Stuttgart. Vorsichtig stelle ich ein paar Fragen, unterstützt von Saideh Rody, die zwischen der Landessprache Farsi und Deutsch übersetzt. „Soll ich Ihnen meine Geschichte erzählen?“ „Gerne, wenn du möchtest.“ Und dann berichtet Ahmad, den Blick fest auf den Boden gerichtet: Dass seine Familie zur schiitischen Minderheit der Hazara gehört und deswegen schon lange bedroht und benachteiligt wird. Dass sein älterer Bruder vor ein paar Jahren spurlos verschwunden ist und keiner weiß, ob er noch lebt. Dass er selbst vor kurzem am Hals mit einem Messer schwer verletzt und zusammengeschlagen wurde. Dass seine Eltern große Angst hatten, dass auch ihr zweiter Sohn verschwindet oder getötet wird. Seine Familie sei sehr arm, erzählt Ahmad weiter, sein Vater arbeite auf den Feldern eines Landbesitzers, er selbst sei nur vier Jahre zur Schule gegangen, dann habe er seinen Eltern geholfen. Doch obwohl sie kein Geld hatten, sei es dem Vater gelungen, seine Flucht mit einem Schlepper zu organisieren.

Von einem Schlepper zum nächsten weitergereicht

Immer wieder kommen Ahmad die Tränen, wenn er an seine Eltern denkt und an all das, was er auf der Flucht erlebt hat. Mehrmals, so erzählt er, hätte er unterwegs jede Hoffnung aufgegeben und mit seinem Leben abgeschlossen. Zuerst ging es mit einer kleinen Gruppe im Geländewagen in den Iran. Dort habe er einen Monat lang für den Schlepper arbeiten müssen, um seine Weiterreise zu finanzieren. Der Grenzübertritt in die Türkei sei schwierig gewesen. Vier Tage und Nächte seien sie gelaufen. Von der Türkei ging es mit dem Boot nach Griechenland. „Wir sind von einem Schlepper zum nächsten weitergereicht worden, jeder war nur für einen Abschnitt zuständig.“ In Griechenland verschwimmt die Erinnerung, zu viel ist passiert, zu schmerzhaft sind die Gedanken an die Details. „Einmal hatte ich vier Tage lang nichts zu essen, das war schlimm“, sagt Ahmad leise. Von Anfang an wusste er genau, dass er es bis nach Deutschland schaffen möchte. „Ich kannte nur Schweden und Deutschland in Europa. Die Deutschen haben in Afghanistan viel Gutes getan. Sie haben Schulen und Krankenhäuser gebaut und es gibt dort viele deutsche Hilfsorganisationen.“ Als er die deutsche Grenze überschreitet, dauert es eine Weile, bis er von seinem Glück erfährt: Der Name „Deutschland“ sagt ihm nichts, er kennt das Land seiner Träume nur als „German“. Mit dem Zug fährt er von München nach Stuttgart. Rund um den Bahnhof schaut er sich um: Hier möchte er bleiben. Er bittet ein persisch sprechendes Mädchen, das er auf der Straße trifft, die Polizei anzurufen, damit sie seine Personalien aufnimmt.

Hauptsächlich kommen Jungs zwischen 12 und 17 Jahren

„Wenn ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in Baden-Württemberg eintrifft, kommt er in die Obhut des Jugendamtes“, erklärt Helga Heugel, die dort für den Pflegekinderdienst zuständig ist. „Wir haben in Stuttgart zwei Erstaufnahmeeinrichtungen, in denen die Jugendlichen anfangs bleiben können.“ Je nach Alter, Persönlichkeit und individuellen Bedürfnissen gibt es dann unterschiedliche Wohnmodelle, vom Kinderheim über die betreute Wohngruppe bis hin zur Gastfamilie. Da die Flüchtlingszahlen steigen, ist der Bedarf an Wohnungen, WG-Zimmern und Gastfamilien hoch. Andrea Peter betreut bereits seit langem Pflegekinder, daher wurde sie vom Jugendamt angeschrieben, ob sie sich nicht vorstellen könne, zusätzlich ein Flüchtlingskind aufzunehmen. Sowohl sie als auch ihre Kinder konnten das, ein Zimmer war auch gerade frei geworden. Also meldete sie sich kurzentschlossen: „Ursprünglich hatte ich an ein Mädchen gedacht, aber die allermeisten Flüchtlinge sind nun mal Jungs, meist zwischen 12 und 17 Jahren. Beim Jugendamt habe ich mich mit Ahmad getroffen und wir haben uns unterhalten. Schon nach kurzer Zeit war mir klar: Das könnte passen.“ Ahmad nahm sich eine Nacht Bedenkzeit, dann stand auch für ihn fest, dass er gerne in der Familie von Andrea Peter leben möchte.

„Für uns ist die Begegnung mit Ahmad eine Bereicherung“

„Wir wählen sorgfältig aus, welche Gastfamilie und welches Flüchtlingskind zusammenpassen könnten“, erklärt Helga Heugel. Die Überprüfung der Familien, die sich melden, sowie die Gespräche zu Familiensituation und Motivation nehmen viel Zeit in Anspruch, die Personalkapazität ist begrenzt. Innerhalb eines Jahres konnten daher erst rund 10 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei Gastfamilien untergebracht werden. Die Familien werden kontinuierlich vom Jugendamt betreut: Mindestens alle sechs Monate findet ein Gespräch statt, zusätzlich treffen sich die Gastfamilien einmal pro Monat, um sich auszutauschen und Kontakte zu knüpfen.
„Bis jetzt haben wir die Entscheidung keine Sekunde bereut“, strahlt Andrea Peter. „Ahmad ist so freundlich und meistens fröhlich, wenn er nicht gerade von Heimweh geplagt wird. Nicht nur er lernt von uns, auch wir lernen viel von ihm und bekommen sehr viel zurück.“ Die Tatsache, dass ein Moslem in einer christlichen Familie lebt, bereitet beiden Seiten keine Probleme. „Wir nehmen Rücksicht aufeinander und respektieren die Religion des anderen. Wenn wir zum Beispiel ein Gericht mit Schweinefleisch essen, bekommt Ahmad eben etwas anderes.“ Der 16-Jährige ist dankbar für die Hilfe, die er in Deutschland erfährt: „Es ist alles so, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Er möchte schnell Deutsch lernen, eine Ausbildung machen und seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Erst dann, meint er leise, nehme er auch Kontakt zu seinen Eltern auf: „Mir geht es so gut hier und ihnen nicht, aber ich kann ihnen im Moment nicht helfen. Sie haben alles für mich getan, nun möchte ich beweisen, dass das nicht umsonst war.“ Dann fügt er noch hinzu: „Glauben Sie mir, kein Mensch verlässt seine Heimat und seine Familie ohne Grund.“  (cg)

Gut zu wissen:

  • Das Jugendamt Stuttgart ist nur für Gastfamilien aus Stuttgart zuständig, Interessierte aus anderen Kommunen müssen sich an ihr örtliches Jugendamt wenden.
  • Hauptsächlich kommen Jungs zwischen 12 und 17 Jahren als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Deutschland an.
  • Das Jugendamt Stuttgart ist offen für sämtliche Familienkonstellationen, zum Beispiel auch für Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Paare.
  • Bei Interesse findet eine formale Überprüfung statt, bestehend aus einem Fragebogen zur Familiensituation und zur persönlichen Motivation sowie einem Hausbesuch. Ebenso muss ein ärztliches Attest vorgelegt werden, dass weder eine psychische Erkrankung noch eine Suchterkrankung vorliegt. Zusätzlich wird ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis verlangt.
  • Gastfamilien erhalten pro Monat 676 Euro für den Unterhalt des Gastkindes und 269 Euro als Aufwandsentschädigung.

Voraussetzungen, die eine Gastfamilie mitbringen sollte:

  • Erfahrung mit Kindern/Jugendlichen
  • wirtschaftliche Unabhängigkeit, das heißt ein festes Familieneinkommen, mit dem der Unterhalt der Familie gesichert ist
  • Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und weiteren Behörden
  • Offenheit für andere Kulturen
  • ein freies Zimmer

 

Fotos: Cornelia Geidel