Louis Leitz Stiftung fördert Sprachvermittlung für jugendliche Flüchtlinge

(Stuttgart) Eine Begegnung mit Harry Hennig, dem Leiter der Dienststelle Notaufnahmebereich beim Jugendamt, im Frühjahr 2014 führte dazu, dass die Louis Leitz Stiftung auf die rapide steigende Zahl von sehr jungen, meist männlichen Flüchtlingen aufmerksam wurde. Margit Leitz, Stiftungsvorstand, erzählt von der Arbeit der Stiftung.

Uns hat beeindruckt, wie sich die Abteilung „Hilfen zur Erziehung“ den aus ihren Heimatländern geflüchteten Jugendlichen annimmt: Mitarbeitende und Studierende der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg geben ihnen Halt durch einen klar geregelten Tagesablauf und frühzeitig einsetzenden Sprachunterricht. Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) werden in der Regel dort, wo sie ankommen, in Obhut genommen und betreut. Als erster Schritt in die Sicherheit der städtischen Notaufnahme wird ihr Alter geschätzt, ihre Gesundheit überprüft und die Vormundschaft geklärt.

Ein strukturierter Alltag bringt Normalität

Viele Minderjährige sind nach der langen, angstbehafteten Flucht mit verschiedenen Schleppern psychisch sehr belastet. Eine weitere Herausforderung bei ihrer Ankunft in Deutschland ist der Kulturschock, denn die Lebensgewohnheiten und kulturellen Hintergründe in den Heimatländern unterscheiden sich in der Regel stark von unseren. Sozialarbeiter, Pädagogen, Dolmetscher und Ehrenamtliche kümmern sich in der Notaufnahme so lange um die Jugendlichen, bis sie in Wohngruppen, Kinderheimen oder bei Gastfamilien dauerhaft untergebracht sind und die Internationale Vorbereitungsklasse an der Schule besuchen. Pünktliches Aufstehen, gemeinsame Mahlzeiten sowie deren Zubereitung, handgemachte Piktogramme mit ersten deutschen Wörtern, feste Zeiten für den Sprachkurs und das alltagspraktische Training sowie gemeinsame Aktivitäten begünstigen den Integrationsprozess vom ersten Tag an.

Studierende machen Praktikum in der Notaufnahme

Auf einer Klausurtagung des Jugendschutzes im Mai 2012 stellten zwei ehemalige Studenten der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg das Pilotprojekt „Alltagsorientierte Beschulung“ vor, das seit Sommer 2012 in die Praxis umgesetzt wird. Seit Herbst 2013 haben Studierende der Sozialpädagogik der Evangelischen Hochschule als Praktikanten einen festen Platz in der Projektstruktur und sind gemeinsam mit den hauptamtlichen Mitarbeitenden für die inhaltliche Gestaltung des zweimal wöchentlich stattfindenden alltagsorientierten Unterrichts und der Freizeitaktivitäten zuständig. Ein Kooperationsvertrag, wonach sie im dritten und vierten Semester des Studiums „Soziale Arbeit“ insgesamt 150 Stunden in der Notaufnahme arbeiten, sorgt zusätzlich für praktische Erfahrung und die Nachhaltigkeit des erfolgreichen Konzepts.

Sprache ist der Schlüssel zur Integration

Frühzeitiger Spracherwerb ist die Voraussetzung für Aufnahme und Annahme im neuen Lebensumfeld. Doch die Jugendlichen leben oft wochen- oder monatelang in der Notaufnahme, bevor ihr weiterer Verbleib geklärt ist und eine Regel-Beschulung (Sprachkurs, Internationale Vorbereitungsklasse) beginnen kann. Das Projekt „Alltagsorientierte Beschulung“ setzt genau hier an und ist eine Vorbereitung auf den späteren Deutschkurs. Eine wichtige Ergänzung ist der freizeitpädagogische Teil, bei dem die Sprache nicht im klassischen Unterricht, sondern bei Freizeitaktivitäten im neuen Lebensumfeld der jungen Menschen vermittelt wird. Die Differenzierung des Unterrichts entsprechend der Vorbildung der Jugendlichen – manche sind Analphabeten, andere haben ein Gymnasium besucht – erwies sich ab 2015 als notwendig. Eine Fachkraft, die die Studierenden sowie die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitenden unterrichtsbegleitend auf dem Gebiet „Deutsch als Fremdsprache“ schult, wird seit April 2015 drei Jahre lang als Teilzeitstelle von der Louis Leitz Stiftung finanziert. Seit Anfang Oktober erhalten die Jugendlichen an fünf Tagen pro Woche Unterricht.

Sponsoren engagieren sich gemeinsam

Im alten Industriegebiet in Stuttgart-Feuerbach wurde die Stadt für die Unterbringung von jugendlichen Flüchtlingen fündig: Einer der Interimsstandorte mit 270 Plätzen befindet sich im ehemaligen Firmengebäude von Leitz Esselte. Ebenfalls wurden neue Sponsoren gewonnen: Der Rotary Club Stuttgart unterstützt die Ausweitung der Sprachkurse auf die drei Hauptstandorte der Notaufnahme für Jugendliche und „Weihnachtsmann & Co“, die jährliche Sponsoring- und Spendensammelaktion Stuttgarter Unternehmen, fördert die Fortbildung von Paten und Freizeitaktivitäten. Der Weihnachtswunsch des Jugendamtes: Für eine bestmögliche Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge braucht es weitere großzügige Zuwendungen.

Text: Margit Leitz, Louis Leitz Stiftung