Junge Flüchtlinge: In der Rolle des Familienernährers

Foto: Markus Heffner

Viele der Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, sind minderjährig und auf sich allein gestellt. Die Betreuung dieser jungen Menschen erfordert viel Zeit, Wissen und Fingerspitzengefühl. Die Fachkräfte der Evangelischen Gesellschaft haben nach einem turbulenten Jahr Zwischenbilanz gezogen: Welche Erfahrungen wurden gemacht? Welche Konzepte haben sich bewährt? Und was bringt die Zukunft?

Die Zahlen machen deutlich, wie groß die Not teilweise ist und wie gewaltig die Anforderungen sind, die es derzeit im ganzen Land zu bewältigen gilt: 14.125 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UmF) waren bundesweit zum Stichtag 31. Dezember 2014 registriert, mehr als 60.000 vor Krieg und Verfolgung geflüchtete Kinder und Jugendliche sind Ende vergangenen Jahres statistisch erfasst worden. Im laufenden Jahr steigen die Zahlen zwar nicht mehr ganz so sprunghaft an, die Kurve zeigt aber dennoch weiter stetig nach oben: Aktuell werden bundesweit knapp 69.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge durch die Kinder- und Jugendhilfe betreut. In Baden-Württemberg sind es zum Stichtag 1. April 7.041 – und damit fünf Mal so viele wie noch 2014. „Dieser enorme Anstieg hat sich drastisch auf unsere Arbeit ausgewirkt und viele Abläufe auf den Kopf gestellt“, sagt Regine Esslinger-Schartmann.

Die Interkulturelle Trainerin und Bereichsleiterin der Evangelischen Gesellschaft (eva) hat Mitte Juli beim Treff Sozialarbeit zusammen mit ihrem Kollegen Jörn Reusch eine Zwischenbilanz gezogen und dabei auf ein Jahr in der Flüchtlingshilfe zurückgeblickt, das in vielfacher Hinsicht bewegend war, wie sie sagt. Teilweise hätten sie nicht mehr gewusst, wie das alles zu bewältigen ist und wo die jungen Menschen noch untergebracht werden können. In der Hochphase seien im Land pro Woche bis zu 40 junge Flüchtlinge angekommen, so die Sozialpädagogin, „die irgendwo aufgenommen werden mussten“.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, je nach Region auch „Unbegleitete minderjährige Ausländer“ (UmA) oder „minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“ (MUFL) genannt, haben bei entsprechender Bedarfsfeststellung Anspruch auf Inobhutnahme durch das Jugendamt, einen persönlichen Vormund sowie die Unterbringung in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Alleine im Rems-Murr-Kreis, in dem Regine Esslinger-Schartmann unter anderem als Bereichsleiterin die Vermittlung junger Flüchtlinge in Gastfamilien verantwortet, ist binnen einen Jahres die Zahl dieser junger Menschen von 72 auf aktuell knapp unter 300 angestiegen. Damit verbunden war die zügige Eröffnung einiger neuer Unterkünfte im Landkreis wie etwa einer Wohngruppe im Schorndorfer Stadtteil Schornbach mit zehn Plätzen oder dem Schullandheim Mönchhof bei Kaisersbach, das zur UmF-Unterbringung mit bis zu 52 Plätzen umgebaut wurde. Das übliche Vorgehen sei, eine Konzeption für neue Wohngruppen zu erstellen, den Antrag auf Betriebserlaubnis auf den Weg zu bringen sowie die Leistungen und die finanziellen Aspekte zu verhandeln, bevor eine neue Einrichtung in Betrieb genommen wird, so die Sozialpädagogin. Dieser Ablauf sei durch die neue Situation und den hohen Zeitdruck aber völlig auf den Kopf gestellt worden: „Die Jugendlichen waren plötzlich in großer Zahl da und wir hatten keinen Platz für sie.“

Verschärft hat sich die Situation insbesondere auch durch eine Gesetzesänderung zur bundesweiten Umverteilung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die zum Stichtag 1. November 2015 in Kraft getreten ist. Seither werden junge Menschen ohne Begleitung wie Erwachsene über eine Quotenregelung im Land verteilt, den so genannten Königsberger Schlüssel. Zuvor hatte nur ein kleiner Teil der etwa 600 Jugendämter in Deutschland unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen. Als Folge mussten nun aber auch all jene Kommunen, die seither keine UmF-Plätze zur Verfügung gestellt hatten, in vergleichsweise kurzer Zeit die notwendige Infrastruktur schaffen – von Aufnahmeeinrichtungen über Bildungsangebote bis hin zu Therapiemöglichkeiten. Die Rahmenbedingungen und Standards in diesem Bereich hätten sich dadurch enorm verändert, betont Regine Esslinger-Schartmann.

Aus Platzgründen sind im Rems-Murr-Kreis nun beispielsweise 10er-Wohngruppen mit Doppelzimmern üblich. Zudem würden die jungen Menschen zwischenzeitlich ohne ein vorheriges Clearing aufgenommen werden. Es werde lediglich noch das Alter ermittelt, so die eva-Expertin. Zu den neuen Gegebenheiten gehört zudem auch, dass für die Betreuung und Begleitung der minderjährigen Flüchtlinge verstärkt auch „geeignete Nichtfachkräfte“ eingesetzt werden, worin Jörn Reusch einen der Vorteile des neuen Systems sieht. Diese neuen Mitarbeiter, die teilweise selbst aus arabischen Ländern stammen, könnten wichtige Kompetenzen und Kenntnisse einbringen, die im Alltag und beim gegenseitigen Verstehen enorm helfen würden, so Reusch, der unter anderem als Systemischer Coach arbeitet und Leiter der AG Jungenarbeit bei der eva ist. „Unter den alten Rahmenbedingungen und Vorschriften hätten wir diese Menschen nicht engagieren können“, betont er.

Insgesamt 50 neue Mitarbeiter sind für die verschiedenen UmF-Einrichtungen der eva im Rems-Murr-Kreis zwischen Juli 2015 und Juli 2016 eingestellt worden, darunter viele Berufsanfänger und eben so genannte Nichtfachkräfte. „Die Personalsuche wird zunehmend schwierig“, betont Reusch. Gleichzeitig seien die Anforderungen an die Fachkräfte, die teilweise traumatisierte junge Menschen betreuen, ganz enorm, so Reusch. Einerseits benötigen sie ein hohes spezifisches Wissen über das Asyl- und Ausländerrecht, über Herkunftsländer, Fluchtwege und die Beweggründe. Gleichzeitig müssten sie auch interkulturelle Kompetenzen mitbringen und die eigene Kultur vermitteln können, so Reusch.

Genau darin, in der gegenseitigen Vermittlung der jeweiligen kulturellen Gepflogenheiten, sieht der erfahrene Sozialpädagoge eine der wichtigen Aufgaben für die Zukunft. 95 Prozent der minderjährigen Flüchtlinge seien Jungs, die vielfach von ihren Familien nach Deutschland  geschickt werden, erzählt er. „In der arabischen Gesellschaft haben junge Männer die Rolle des Familienernährers.“ Dieses Rollenbild sei ihnen fest zugeschrieben. Wenn diese jungen Männer dann in Deutschland ankommen und feststellen, dass es das System hier zunächst gar nicht zulässt, dass sie arbeiten können, um ihre Familie mit Geld zu unterstützen, berge das ein großes Konfliktpotential. In arabischen Ländern werde vielfach ein Bild von einem Deutschland verbreitet, in dem es allen gut geht, alle in Wohlstand leben und man vom ersten Tag der Ankunft an einen hoch angesehenen Job bekommt. „Wenn die Jugendlichen dann merken, dass sie ihre Familien nicht unterstützen und die Erwartungen nicht erfüllen können, lastet ein großer Druck auf ihnen“, betont er.

Viele Missverständnisse und Konflikte, davon ist Jörn Reusch überzeugt, haben ihren Ursprung in den unterschiedlichen Rollenbildern der verschiedenen Kulturen. Umso wichtiger sei es für die Zukunft, mehr voneinander zu erfahren, zu verstehen, warum sich ein junger arabischer Mann beispielsweise mit Küchenarbeit schwer tut oder als Friseurlehrling unter keinen Umständen Frauen die Haare schneiden oder die Augenbrauen zupfen will. „Dafür würde er nach seinem Verständnis keine Anerkennung bekommen“, so Reusch. Eine zuverlässige Prognose abzugeben,  wie sich die Arbeit in diesem Bereich weiter entwickeln wird, sei momentan schwierig. Die Zahlen würden derzeit wieder leicht ansteigen, vieles sei von weiteren politischen Entscheidungen abhängig, so Regine Esslinger-Schartmann. „Wir wissen nicht, ob neue Fluchtwege entstehen oder vielleicht mehr Flüchtlinge aus Afrika kommen.“ Fest stehe dagegen, dass die Grundlagen in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen geschaffen worden und im vergangenen Jahr wichtige Netzwerke entstanden seien. „Wir kennen die Bedarfe und wissen etwa, was auf uns zukommt“, sagt Jörn Reusch. Wichtig sei, Wege der Integration zu erschließen und weiter auszubauen sowie die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern wie Arbeitsamt, Betrieben und Schulen weiter zu intensivieren, so Reusch: „Viele dieser Jugendlichen werden Teil der Gesellschaft bleiben.“ (Markus Heffner)