Unicef-Studie: „Kindheit im Wartezustand“

Viele Flüchtlingskinder leiden in Deutschland darunter, dass sie oft für lange Zeit in Sammelunterkünften mit vielen fremden Menschen auf teilweise sehr engem Raum zusammenleben müssen. Das geht aus der aktuellen Studie „Kindheit im Wartezustand“ des UN-Kinderhilfswerks (Unicef) hervor, die vor kurzem in Berlin vorgestellt wurde.

Deutschland nimmt mit seinem Einsatz für geflüchtete Menschen eine Vorreiterrolle in Europa ein. Durch das große Engagement und ihre Flexibilität haben Politik, Behörden und vor allem die Zivilgesellschaft eine gute Versorgung der Menschen auf der Flucht und die Teilhabe am Leben in Deutschland ermöglicht. Trotz dieser großen Leistung sieht das Kinderhilfswerk Unicef die Lebensumstände vieler Kinder und Jugendlichen unter den Geflüchteten aber als schwierig an. Laut der neuen Unicef-Studie „Kindheit im Wartezustand“ verbringen viele von ihnen etliche Monate oder sogar Jahre in Flüchtlingsunterkünften, die häufig nicht sicher und nicht kindgerecht sind.

So heißt es in der Studie unter anderem: „Sie warten auf eine Entscheidung über die Asylanträge der Familie, auf den Arztbesuch, Zugang zu Schulen und Kitas und insbesondere auf eine dauerhafte, geeignete Bleibe.“ Das steht ganz im Gegensatz zu den Erwartungen und Wünschen, mit denen Geflüchtete in Deutschland ankommen, wie der Geschäftsführer von Unicef Deutschland betont. „Geflüchtete Familien wünschen sich nichts sehnlicher, als anzukommen und neu zu beginnen. Gerade den Kindern die bestmögliche Starthilfe in Deutschland zu geben, ist eine gute, wenn nicht eine der wichtigsten Investitionen für unsere Gesellschaft“, so Christian Schneider. „Kinder, die ihre Heimat verloren und Schlimmes durchgemacht haben, müssen rasch zur Normalität zurückfinden. Sie dürfen nicht noch mehr wertvolle Zeit ihrer Kindheit verlieren. Deshalb sollten sie nur so kurz wie möglich in Sammelunterkünften bleiben und so schnell wie möglich Kindergärten oder Schulen besuchen oder eine Berufsausbildung beginnen. Kinder sind nicht in erster Linie Asylbewerber, Migranten oder Flüchtlinge, sondern Kinder.“

Die Autoren der Studie stellten bei der Befragung von Mitarbeitern von Flüchtlingseinrichtungen fest, dass mehr als jeder fünfte Minderjährige über sechs Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung wohnen musste. Die Aufenthaltsdauer in den Gemeinschaftsunterkünften gab ein Drittel der Mitarbeiter mit ein bis drei Jahren an. Aufgrund der besonderen Umstände leben die Mädchen und Jungen dort laut Studie teils unter unzureichenden hygienischen Bedingungen, mit vielen fremden Menschen auf engem Raum und haben kaum Privatsphäre. Sie haben oft keine Ruhe zum Spielen und Lernen und sind nicht ausreichend vor Übergriffen geschützt. Je nachdem, wo in Deutschland sie untergebracht sind und wie lange die Kinder in Erstaufnahmeeinrichtungen bleiben, ist ihr Zugang zu Kindergärten oder Schulen eingeschränkt. Eine zunehmend unterschiedliche Behandlung der geflüchteten Mädchen und Jungen zeichnet sich auch je nach Herkunftsland und damit verbundener Bleibeperspektive ab.

Problematisch ist laut Studie vor allem eine gemeinsame Unterbringung von Familien zusammen mit alleinstehenden Männern. „Viele Unterkünfte sind keine sicheren Orte für Kinder. Sachleistungen, fehlende Privatsphäre, nicht abschließbare Sanitäranlagen und das Miterleben von Gewalt und Konflikten führen zu Gefährdungsmomenten und beeinträchtigen die Entwicklung geflüchteter Kinder und Jugendlicher“, erklärte Adam Naber vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Mitautor der Studie. „Statt den Auszug aus Flüchtlingsunterkünften rechtlich zu erschweren, sollten Bund und Länder dringend Maßnahme ergreifen, um diesen zu erleichtern – egal aus welchem Herkunftsland die Familien kommen.“

Häufig fehlen auch eigene Aufenthaltsräume für Kinder und Jugendliche sowie strukturierte Lern- und Freizeitangebote. Nur rund ein Drittel der befragten Einrichtungen gab an, Konzepte zum Schutz vor Gewalt zu haben. Unicef und das Bundesfamilienministerium haben im Rahmen einer gemeinsamen „Initiative zum Schutz von Frauen und Kindern in Flüchtlingsunterkünften“ zusammen mit Partnern bundesweit einheitliche Mindeststandards erarbeitet, die als Leitlinie für die Erarbeitung von Schutzkonzepten dienen können. Eine bundesgesetzliche Regelung, die Mindeststandards für den Schutz von Kindern und Frauen in Flüchtlingsunterkünften vorschreibt, gibt es jedoch bisher nicht.

In den vergangenen zwei Jahren kamen etwa 350.000 Kinder und Jugendliche in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland, um hier Schutz vor Krieg und Gewalt oder eine bessere Zukunft zu suchen. Außerdem kümmern sich die Jugendämter aktuell um etwa 48.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.