Wie rettet man ein Idyll?

In Freiburg ermordet ein Afghane eine 19-Jährige. Mehrere Männer, überwiegend Syrer, vergewaltigen eine 18-Jährige. Die überregionale Wochenzeitung „Die Zeit“ hat anlässlich dieser und anderer Ereignisse ganz unterschiedliche Akteure zu einem Krisengespräch in einer Stadt eingeladen, die stolz ist auf ihre Weltoffenheit.

Ein Freitagabend in Freiburg. Das Rathaus ist fast leer, nur in einem Raum sitzen noch sieben Menschen um einen Tisch. Der parteilose Oberbürgermeister Martin Horn und der Polizeipräsident Bernhard Rotzinger haben sich bereits gestern hier zur Lagebesprechung getroffen. Die anderen Teilnehmer kennen sich nicht: Pia Rennette, Jobcoach für Flüchtlinge, der Psychoanalytiker Gehad Mazarweh, der Clubbetreiber Hansi Breier, der syrische Erzieher Ristem Haftaro und die Medizinstudentin Noemi Wiessler. Auf unsere Einladung hin wollen sie miteinander ins Gespräch kommen. Denn was zuletzt in Freiburg passiert ist, beschäftigt sie.

DIE ZEIT: Frau Wiessler, Sie leben seit sieben Jahren in Freiburg und studieren hier Medizin. Im Oktober 2016 wurde Ihre Kommilitonin Maria L. auf dem Heimweg von einer Fachschaftsparty von einem jungen Mann vergewaltigt und ermordet. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später ist die Stadt nun wieder bundesweit in die Schlagzeilen geraten: Mehrere Männer vergewaltigten nach einem Discobesuch ein 18-jähriges Mädchen. Haben Sie mittlerweile Angst, wenn Sie nachts allein in Freiburg unterwegs sind?

Noemi Wiessler: Angst würde ich es nicht nennen. Ich bin aber sensibler geworden. Ich jobbe im Kreißsaal des Diakoniekrankenhauses. Dort mache ich ausschließlich Nachtdienste. Das heißt, ich gehe im Winter aus dem Haus, wenn es schon dunkel ist, und komme heim, wenn es noch nicht hell ist. Die Strecke zwischen meiner Wohnung und dem Krankenhaus führt an einem Flüchtlingsheim vorbei und ist teilweise nicht gut beleuchtet. Wenn ich da zu Fuß langmuss, weil die Bahn nicht fährt, telefoniere ich auf dem Weg mit meinem Freund. Ich bin dann zwar immer noch allein, aber dass er weiß, wo ich gerade bin, und dass ich dann mit ihm reden kann, gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Als ich ihn zum ersten Mal mitten in der Nacht angerufen habe, war er ganz erstaunt.

ZEIT: Kann er Ihre Beunruhigung nicht verstehen?

Wiessler: Schon, aber er selbst hat kein Problem damit, nachts allein durch die Stadt zu laufen. Ich kenne keine Männer, die sich im Dunkeln auf der Straße unwohl fühlen. Für junge Frauen ist das anders.

Pia Rennette: Das finde ich furchtbar. Ich habe Anfang der Achtzigerjahre hier in Freiburg Jura studiert, dann war ich lange im Ausland, heute arbeite ich wieder hier, als Jobcoach für Flüchtlinge. Also, damals war ich immer alleine unterwegs. Das war für mich selbstverständlich. Ich fühlte mich nie bedroht. Da hat sich etwas verändert.

Martin Horn: Ich weiß, dass es einigen Freiburgerinnen geht wie Ihnen, Frau Wiessler. Das macht mich als Bürgermeister betroffen.

ZEIT:
Maria L. wurde von einem afghanischen Flüchtling getötet. Beim aktuellen Fall der Gruppenvergewaltigung waren es überwiegend junge Männer aus Syrien, die sich an dem Mädchen vergingen. Hat Freiburg ein Problem mit Flüchtlingen, Herr Oberbürgermeister?

Horn: Dass die Tatverdächtigen Flüchtlinge sind, kann man nicht leugnen. Ich werde an dieser Stelle gar nicht erst versuchen, das schönzureden. Trotzdem glaube ich, dass Freiburg eine sehr weltoffene, liebens- und lebenswerte Stadt ist. Es war richtig, dass wir Menschen unseren Schutz angeboten haben. Aber alle, die zu uns kommen, haben sich an Recht und Gesetz zu halten. Menschen, die das ausnutzen, haben ihr Gastrecht missbraucht.

ZEIT: Herr Polizeipräsident, der mutmaßliche Haupttäter Majd H. war kein Unbekannter. Vor der Tat sind bei der Polizei 28 Delikte aufgelaufen, die er begangen haben soll. Welche Delikte sind das?

Bernhard Rotzinger:
Es ist eine Deliktstruktur, die sich quer durchs Strafgesetzbuch zieht. Seit der junge Mann 2014 nach Deutschland kam, ist es immer weiter eskaliert. Von Urkundenfälschung und Fahren ohne Fahrerlaubnis über Drogenhandel bis hin zu Körperverletzung.

Rennette: Bei unseren Kursen zum Bewerbungstraining für Flüchtlinge diskutieren wir oft über solche Problemfälle. Da kommt immer die Frage: Ja, warum greift die Polizei denn nicht härter durch? Die Flüchtlinge kennen sich ja untereinander – und registrieren genau, dass die Drogendealer einfach weiter frei herumlaufen. Es stößt bei ihnen teilweise auf Unverständnis, dass in unserem Rechtsstaat nicht durchgegriffen wird.

„Der Verdächtige war ja auch ein Drogenhändler“

ZEIT: Majd H. soll schon vor der jetzigen Tat Frauen vergewaltigt haben. Ihren Beamten, Herr Polizeipräsident, wurde deshalb vorgeworfen, sie hätten die Gefährlichkeit dieses Mannes unterschätzt.

Rotzinger: Es gibt in diesem Zusammenhang zwei Tatkomplexe. Einmal hat er mutmaßlich in seinem Zimmer, gemeinsam mit zwei anderen, eine junge Frau vergewaltigt. Die zweite Tat fand in der Wohnung eines Freundes statt. Dort kam es zu sexuellen Übergriffen auf zwei junge Mädchen, das war allerdings keine Vergewaltigung. Für die Gefährlichkeitseinschätzung ist unter anderem der Grad der Gewaltanwendung von Bedeutung. Genauso wie die Tatsache, dass in diesen beiden Fällen die Opfer eine Vorbeziehung zum Täter hatten.

ZEIT:
Warum spielt die Vorbeziehung eine Rolle?

Rotzinger: Wir müssen bei der Einschätzung der Gefährlichkeit differenzieren, ob jemand im öffentlichen Raum Frauen anfällt, die er nicht kennt, oder ob jemand ein Sexualdelikt im häuslichen Umfeld begeht, mit einem Opfer, zu dem es eine Vorbeziehung gibt. Ich lege großen Wert darauf, zu betonen, dass das keine Rolle bei der Bewertung der Tat selbst spielt. Uns wird ja häufig unterstellt, wir würden bestimmte Dinge verharmlosen – was nicht stimmt. Wir gehen mit jedem Opfer eines Sexualdeliktes angemessen um und sind sehr konsequent im Vorgehen gegen häusliche Gewalt.

ZEIT: Die Polizei stuft einen Täter als weniger gefährlich ein, wenn er eine Frau, die er kannte, vergewaltigt, als wenn er sich fremde Opfer sucht?

Rotzinger:
Das ist so, denn Täter, die keine Vorbeziehung zu ihrem Opfer haben, sind gefährlich für die Allgemeinheit, sie bedrohen potenziell mehr Menschen, und das in einem unbestimmten Gebiet. Dass es im aktuellen Fall in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu der Gruppenvergewaltigung kam, ist ein tragisches Geschehen. Nach unserem Täterprofil war Majd H. ein Rauschgifthändler, der im persönlichen Umfeld Sexualstraftaten begangen hatte und gewalttätig aufgetreten war.

ZEIT:
Die Gruppenvergewaltigung fand in der Nacht zum 14. Oktober statt. Ein Haftbefehl gegen Majd H. war schon am 10. Oktober erlassen worden. Hätte man den Haftbefehl rechtzeitig ausgeführt, wäre es nicht zu der Tat gekommen. Warum war die Festnahme erst für den 23. Oktober geplant?

Rotzinger: Der Verdächtige war ja auch ein Drogenhändler. Wir hatten zwei Durchsuchungsbeschlüsse, gegen ihn und seinen Geschäftspartner. Wir wollten ihn im Zuge der Durchsuchung festnehmen. So eine Verhaftung bedarf aber der Planung. Der genehmigte Haftbefehl wurde per Fax am 10. Oktober ans Sittendezernat gesandt. Der zuständige Sachbearbeiter hatte an diesem Tag Urlaub. Mit der Durchsuchungs- und Festnahmeaktion wurde dann das Rauschgiftdezernat beauftragt. Wir wussten aber nicht, wo Majd H. sich aufhielt – der Ermittler hat sich noch am 12. Oktober bestätigen lassen, dass Majd H. nicht in seiner gemeldeten Wohnung ist. Also mussten wir ihn suchen. So eine Fahndung ist aufwendig, allein dafür brauchten wir acht Beamte. Dazu kommen noch mal acht für die zeitgleiche Durchsuchung von zwei Wohnungen. Dann wird noch ein Polizeihund mit Hundeführer benötigt, für die Rauschgiftsuche. Außerdem ein Polizist, der die Sexualdelikte bearbeitet, sowie drei Beamte der Ermittlungsgruppe Sicherheitspartnerschaft. Sie merken: Ein solcher Einsatz bedarf einer hohen Koordinationsleistung.

Horn: Ich verstehe, dass es für viele unverständlich ist, wenn jemand, der nach Deutschland kommt und immer wieder Straftaten begeht, nicht sofort verhaftet wird. Deswegen werbe ich ja für mehr Ressourcen für Polizei und Justiz.

ZEIT: Nachdem feststand, dass Majd H. auch an der Gruppenvergewaltigung beteiligt war, gelang die Festnahme dann aber doch innerhalb kürzester Zeit. Wie kam das, Herr Polizeipräsident?

Rotzinger:
Am Freitag, sechs Tage nach der Tat, haben wir erste DNA-Spuren bekommen und am Samstag zwei Täter verhaftet. In ihrer Vernehmung gaben sie an, wo in Freiburg die Eltern des Hauptverdächtigen wohnen. Dort in der Nähe konnten wir ihn am Sonntag nach der Observation der Wohnung festnehmen.

ZEIT:
Herr Mazarweh, Sie schauen schon die ganze Zeit, als wollten Sie etwas dazu sagen.

Gehad Mazarweh:
Ich arbeite seit 42 Jahren als Psychoanalytiker in Freiburg. Als ich anfing, dachte ich, ich würde hier nur badische Hausfrauen behandeln. Stattdessen sitzen in meiner Praxis jetzt Folteropfer und Bürgerkriegsflüchtlinge. Ich weiß, was diese Menschen durchgemacht haben, und kenne ihre Probleme. Aber ich sage Ihnen ganz deutlich: Wenn jemand zu mir zum Essen kommt, weil er Hunger hat, mir aber nach dem Essen in die Suppe spuckt, dann hat er nichts in meinem Haus zu suchen. Nie wieder! Ich bin der Überzeugung, Deutschland hat für diese Leute eine ganze Menge getan. Doch die soziale Liberalität darf nicht missverstanden werden. Menschen, die hier ehrlich und anständig leben, dürfen unter dieser Freiheit nicht leiden.

ZEIT: Sie glauben, ein Mann wie Majd H. wird durch die abwartende Haltung des deutschen Staates ermutigt, weitere Verbrechen zu begehen?

Mazarweh:
Ich leite die psychotherapeutische Anlaufstelle für Migranten in Freiburg. Da begegne ich vielen unterschiedlichen Menschen, auch gefährlichen Jugendlichen. Das Schlimmste, was diesen Jungs passieren kann, ist, dass man ihnen keine klaren Grenzen setzt. Wir können versuchen, ihnen zu helfen. Doch wenn einer anfängt, mich zu bedrohen, hört für mich die Psychoanalyse auf. Dann ist es meine einzige Aufgabe als Bürger, dass dieser Mensch meine Praxis in Handschellen verlässt. Wer so etwas macht, muss weg.

ZEIT:
Ein Mann wie Majd H. sollte also nach Syrien abgeschoben werden – in ein Kriegsgebiet?
Mazarweh: Ich bin der Meinung: ja. Solche Leute sollen weggehen, bevor sie mich gefährden. Mein Leben ist viel wertvoller, als diese Personen glauben. Ich will nicht angegriffen und ich will nicht verletzt werden, weder ich noch meine Mitmenschen. Wer diese Verbrechen begeht, soll sich dann eben selbst gefährden, aber nicht uns alle.

Es heißt nicht „ein Mann“, es heißt: „ein Syrer“

ZEIT: Seit der Gruppenvergewaltigung haben verschiedene Politiker Vorschläge gemacht, wie mit solchen Straftätern verfahren werden sollte. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat vorgeschlagen, "Männerhorden" solle man "in die Pampa" schicken, der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, wie Kretschmann ein Grüner, will straffällige Asyl bewerber in bewachten Landeseinrichtungen unterbringen, Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU hat gefordert, ausländische Vergewaltiger sollten ein lebenslanges Einreiseverbot erhalten. Herr Haftaro, Sie sind syrischer Kurde und leben seit vier Jahren in Deutschland – wie finden Sie solche Vorschläge?

Ristem Haftaro: Ich komme aus Aleppo und habe ein Jahr lang als Dolmetscher bei der Stadt Freiburg gearbeitet. Seit zwei Jahren mache ich meine Ausbildung zum Erzieher, aber ich habe noch immer viele Kontakte mit Flüchtlingen. Meine zwei Brüder haben mir vor diesem Gespräch gesagt: Sag ihnen unbedingt, diese Leute müssen hart bestraft werden. Alle Syrer, die ich kenne, finden das. Ich auch. Denn die Täter haben auch uns verletzt.

ZEIT: Sie fühlen sich durch diese Verbrechen getroffen? Begegnen Ihnen die Menschen in Freiburg seit der Gruppenvergewaltigung anders, weil auch Sie, wie die meisten der Täter, syrischer Kurde sind?

Haftaro:
Vorgestern war ich beim Blutspenden. Die Ärztin fragte mich, woher ich komme. Ich sagte, aus Syrien. Und sie wiederholte so laut, dass es alle hören konnten: Ah, aus Syrien. Ich dachte nur: Oh Mann. Bitte nicht so laut.

ZEIT:
Sie haben sich unwohl gefühlt.

Haftaro:
Auf jeden Fall. Das ist sehr schade. Ich weiß auch: Die Medien sagen, ein Syrer hat dies gemacht, ein Afghane hat das gemacht. Es heißt nicht: „ein Mann“, es heißt: „ein Syrer“.

Rotzinger: Nach der Kölner Silvesternacht haben wir entschieden, immer die Nationalität der Täter zu benennen. Dafür sind wir heftig gescholten worden. Ich glaube aber, wir müssen das tun. Und zwar allein deshalb, weil wir nicht wollen, dass jemand behaupten kann, wir würden etwas verheimlichen. Wir sagen nicht: Jaja, die Syrer und die Afghanen, gar nicht. Wir sagen: Diesen konkreten Täter haben wir festgenommen, der kommt in Haft, und damit ist der Vorgang erledigt. Wir verheimlichen nichts, und wir dramatisieren nichts. Es ist nicht so, dass die wilden Horden durch die Stadt ziehen.

Horn:
In der Woche, in der die Gruppenvergewaltigung geschah, wollten wir ja eigentlich verkünden, dass Freiburg sicherer geworden ist. Die Einladung zur Pressekonferenz war schon geschrieben. Und dann ... Das hätte nach so einem grausamen Verbrechen natürlich wie Hohn gewirkt. Die Realität ist aber diese: In Freiburg leben 3000 Geflüchtete in städtischen Unterkünften. Das sind 1,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. 98 Prozent von ihnen halten sich an die Gesetze. Das jetzige Verbrechen war überhaupt kein Thema in den überregionalen Medien – bis zum Bekanntwerden der Herkunft der Täter. Übrigens: Der Haupttäter Majd H. kam im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland. Er war in keiner Unterkunft, in keiner Integrationsmaßnahme. Die Stadt Freiburg hatte nie Berührungspunkte zu ihm.

ZEIT:
Finden Sie es denn falsch, über die Nationalität zu reden?

Horn:
Wir führen jedenfalls heute keine Diskussion darüber, dass ein deutscher Krankenpfleger 100 Patienten ermordet hat, und verurteilen daraufhin auch nicht alle Krankenpfleger. Vor einigen Monaten hatten wir in unserer Region einen furchtbaren Missbrauchsfall, bei dem eine Mutter ihr eigenes Kind an Pädophile verkauft hat. Dagegen demonstrierte niemand. Majd H. ist eine gescheiterte Persönlichkeit, aber das war er wohl auch schon in Syrien. Was mich irritiert, ist, wenn nach einer solchen Tat pauschalisiert wird. Straftaten werden von Einzelpersonen begangen, nicht von Nationalitäten. Die Syrer, mit denen ich gesprochen habe, sind beschämt, fassungslos und wütend über das Verbrechen – genau wie Sie und Ihre Bekannten, Herr Haftaro.

Ein Hass, der unbeschreiblich ist

ZEIT: Herr Breier, Sie wurden auch schon beschuldigt, zu pauschalisieren. Sie sind Betreiber des Clubs White Rabbit. Im Januar 2016 kam er bundesweit in die Schlagzeilen, als eine E-Mail öffentlich wurde, in der es hieß: „Wir haben am Montag beschlossen, dass wir vorerst keine Menschen mehr in das White Rabbit reinlassen werden, die nur eine Aufenthaltsgestattung besitzen.“ Sie haben sich noch nie öffentlich dazu geäußert. Warum wollten Sie Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch läuft, pauschal an der Tür abweisen?

Hansi Breier: Im Herbst 2015 mussten wir feststellen, dass neue Besuchergruppen bei uns Einzug hielten. Wir sind ein linksalternativer Club und hatten immer eine sehr offene Türpolitik. Jeder durfte rein. Doch plötzlich merkten wir, dass Stammgäste, vor allem Frauen, nicht mehr kamen. Taschendiebstähle nahmen zu. In der Stadt hieß es auf einmal, wir seien ein Grabscher-Club.

ZEIT:
Für Ihre Mail haben Sie in Freiburg großen Ärger bekommen.

Breier:
Die Menschen hier sind ja stolz auf das politische Bewusstsein der Stadt. Einige Leute warfen uns Rassismus vor.

ZEIT: In der E-Mail begründeten Sie die Maßnahme. Von „Eindringen in die geschlossenen Kabinen auf dem Frauen-WC“ ist da die Rede, von sexueller Belästigung, Verabreichung von K.-o.-Tropfen, Taschendiebstählen, einem Messerangriff auf den Türsteher, einer versuchten Vergewaltigung eines weiblichen Gastes in der Nähe des Clubs.

Breier: Im Betreff der Mail hieß es: „Refugees welcome, assholes not“. Als Clubbetreiber trage ich Verantwortung. Ich muss dafür sorgen, dass Frauen bei uns Alkohol konsumieren und feiern können, ohne bedroht und belästigt zu werden. Deshalb haben wir beschlossen, diese Dinge nicht zu akzeptieren. Wir haben danach sogar im Eingangsbereich eine Tafel aufgestellt, auf der in Spanisch, Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch stand, wie man sich gegenüber unseren Gästen zu verhalten hat.

Rotzinger: Auch wir haben damals eine Veränderung bemerkt. Plötzlich gab es da auf dem Stühlinger Kirchplatz diese ... ich nenne sie mal nordafrikanische Straßenjungen. Wir verzeichneten mehr Raubüberfälle und Körperverletzungsdelikte. Nachdem wir 35 Haftbefehle vollstreckt hatten, war der Spuk vorbei. Danach kam die Diskussion über sexuelle Übergriffe in den Clubs, nicht nur im White Rabbit, sondern auch bei anderen.

Breier: Alle Clubs sind da ins Schlingern geraten, nicht nur wir. Ich weiß auch von anderen Läden in Freiburg, in Leipzig war es das Gleiche.

ZEIT: Hatte die Debatte auch wirtschaftliche Auswirkungen für Sie?

Breier:
Die Zugriffsrate unserer Homepage war so hoch wie nie – echt krass. Der Shitstorm auch.

Rennette:
Mich erstaunt es gar nicht, dass Sie so große Probleme mit diesen jungen Männern hatten. Ich habe 20 Jahre in Ägypten gelebt, ich kenne die arabische Mentalität. Die Jungen dort wachsen in patriarchalischen Strukturen auf, sie sind ein ganz anderes Hierarchiesystem gewohnt. Denen fehlt bei uns komplett die Orientierung. Das erlebe ich immer wieder bei meiner Arbeit als Jobcoach. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ein Riesenthema in meinen Kursen. Wie oft üben wir den Handschlag beim Vorstellungsgespräch! Ich sage meinen Schülern: Stellen Sie sich vor, der Personalchef ist eine Frau. Wie gehen Sie auf die zu? Sie geben ihr die Hand, und ... Sie schauen ihr in die Augen! Damit tun sich viele unglaublich schwer.

Mazarweh:
Ich bin in dem Patriarchat, von dem Sie sprechen, groß geworden, als Palästinenser in Israel. Frauen werden in diesen Ländern zu Hause unterdrückt. Aber wehe, ein Mann tastet die Frau eines anderen an. Dann überlebt er den nächsten Tag nicht. Doch das Patriarchat ist nicht die Ursache für diese Art von Gewalt. Denn seien wir doch ehrlich: Wir sind alle in patriarchalen Strukturen aufgewachsen. Aber die wenigsten von uns würden so ein Verbrechen verüben.

ZEIT:
Was geht in den Köpfen dieser jungen Männer vor, die so etwas tun?

Mazarweh:
Selbsthass. Ein kaum vorstellbarer Selbsthass. Wenn ich der Lebensgeschichte solcher Personen nachgehe, erfahre ich häufig, wie schrecklich sie als Kinder und Jugendliche zu Hause behandelt wurden. Diese Jungen haben ein sehr gestörtes Verhältnis zu ihren Müttern. Dadurch entsteht ein Hass, der unbeschreiblich ist.

ZEIT:
Es geht eher um die Mütter als um die Väter?

Mazarweh: Diese Jungs erzählen mir auch oft von ihren Fantasien, den Vater totzuschlagen. Aber da sie eine existenzielle Angst dem Vater gegenüber haben, reagieren sie sich an der Mutter ab – und an allen anderen schwachen Menschen. Frauen sind leider meistens körperlich unterlegen.

„Viel Hass entsteht durch Neid“

ZEIT: So entwickelt sich Frauenhass?

Mazarweh: Der Hass richtet sich nicht nur gegen Frauen. Ein Mensch, der mit Gewalt erzogen wurde, der Lieblosigkeit, Not und Elend erfahren hat, fängt nicht selten irgendwann an, die ganze Menschheit zu hassen. Auch mich hat ein Patient schon mal bedroht. Er sagte zu mir: Was machen Sie, wenn ich das nächste Mal mit einer Machete in Ihre Praxis komme? Ich antwortete: Dann werde ich darüber nachdenken, warum Sie so viel Angst vor mir haben, dass Sie mit einer Machete kommen.

Rennette: Ich habe den Eindruck, der Arabische Frühling hat nicht wirklich funktioniert. Was die da unten brauchen, ist eine sexuelle Revolution. Dort herrscht ein völlig verkrampftes Verhältnis zur Sexualität.

Mazarweh: Entschuldigen Sie, aber ich habe auch deutsche Patienten, die bei dem Thema verkrampft sind. Zum Glück können wir helfen. Wir haben hier ja im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Psychoanalytiker und -therapeuten als in Hollywood.

ZEIT: Herr Marzaweh, kommt es oft vor, dass eine arabische Patientin Ihnen erzählt, sie werde von ihrem Mann geschlagen?

Mazarweh:
Ja, das kommt oft vor. Ich sage dann: Wir brauchen gar nicht weiterzureden. Sagen Sie Ihrem Mann, er soll nächste Woche mitkommen.

ZEIT:
Und dann?

Mazarweh: Frage ich ihn: „Wissen Sie, was Schamgefühl auf Arabisch heißt?“ Natürlich, antwortet er. Und ich zu ihm: „Sie haben aber keins.“ Ich rede mit solchen Leuten anders als mit Deutschen. Denn wir Araber sind anders. Ich bin mit ihnen sehr streng. Ich sage auch: „Ich nehme Sie nur in Therapie, wenn Sie arbeiten gehen. Sie haben Muskeln wie ein Elefant und begnügen sich damit, am Ende des Monats Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen? Sie sollten sich gegenüber Ihren Kindern schämen!“

Haftaro: Ja, es gibt wirklich Leute in meiner Community, die die Werte dieser Gesellschaft einfach nicht respektieren. Das macht mich echt verrückt. Ich war mal mit einem Freund einkaufen bei Penny. Wir haben Arabisch miteinander geredet, und ich habe wegen irgendetwas geflucht. „Gottverdammt!“, so etwas in der Art. Plötzlich hörte ich, wie mich hinter uns jemand beleidigte, ebenfalls auf Arabisch. Er sagte, ich dürfe nicht so über Allah sprechen. Das war einer von den Radikalen. Und wissen Sie, was? Dieser Mann, der angeblich so gläubig war, sagte mir später, dass er zu Penny geht, um zu klauen, weil er die Deutschen hasst.

Marzaweh: Viel Hass entsteht durch Neid.

ZEIT: Inwiefern?

Marzaweh: Diese jungen Männer kommen aus sehr problematischen sozialen und ökonomischen Verhältnissen. Sie glauben, wenn sie eine Woche in Deutschland sind, haben sie mindestens ein Auto und können Geld an ihre Eltern schicken. Doch dann müssen sie feststellen, dass man in diesem Deutschland hart arbeiten muss, um leben und sich vielleicht irgendwann mal ein Auto kaufen zu können. Die Enttäuschung ist riesengroß. Hinzu kommt der Verlust der Familie.

Haftaro: Ich habe das auch so erlebt. Viele Flüchtlinge, die ich kenne, kamen allein. Als sie Freiburg kennenlernten, waren sie enttäuscht, weil es nicht so war, wie sie sich das vorgestellt hatten. Dann war da ein Mann von einer Moschee und sagte: Hallo, Brüder, ich kann euch helfen. Kommt am Freitag in die Moschee. Zwei Freunde von mir sind einmal dorthin gegangen. Sie haben erzählt, dass es schrecklich war, was sie da gehört haben. Der Imam hat zum Beispiel geschimpft, dass die Frauen sich hier auf der Straße zu freizügig anziehen. Die Männer in der Moschee haben versucht, eine Gesellschaft genau wie in Syrien aufzubauen, eine – wie sagt man noch gleich? ... eine parallele Gesellschaft.

Rennette: Bei der Moschee-Geschichte muss ich echt an mich halten. Ich wollte das jetzt gar nicht ansprechen, aber Sie haben es selbst erwähnt. Gerade habe ich im ZDF eine Dokumentation über Hassprediger gesehen. Da gibt es eine Moschee, die seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Da wird der Kampf gegen die Ungläubigen, die Juden und Christen, propagiert – und nichts passiert.

ZEIT: Warum wollten Sie das zunächst nicht ansprechen? Gibt es Themen, über die man hier im liberalen Freiburg nicht so gern redet?

Rennette: Ich tue das schon, aber meine Freundinnen sagen mir dann immer, ich sei ganz schön radikal. Ich verorte mich im liberal-links-grünen Spektrum, aber ich scheue mich nicht, Probleme, die ich sehe, anzusprechen. Ich glaube, wir haben viel zu lange Dinge nicht klar artikuliert. Deswegen wird der rechte Rand auch immer stärker.

„Auch hier wächst die Fremdenfeindlichkeit“

ZEIT: Dass es schwierig ist, offen zu reden, mussten auch Sie erfahren, Herr Breier. Liegt es daran, dass in der linken Brust zwei Herzen schlagen – eines für die Rechte der Frauen, eines für die der Flüchtlinge?

Breier: Das stimmt schon. Als wir merkten, dass die weiblichen Gäste wegblieben, konnte ich nur noch Fehler machen. Es gab eine Situation, die das ganz gut zeigt: Ich hatte an einem Abend mitbekommen, dass ein Gambier im White Rabbit eine Frau belästigt. Sie hatte ihn immer wieder gebeten, Abstand zu halten, doch er ließ nicht locker und bedrängte sie weiter. Irgendwann bin ich dazwischengegangen. Da hat die Frau gesagt, ich solle mich nicht einmischen, sie könne für sich selbst einstehen.

ZEIT: Die Frauen wollen überhaupt nicht von Ihnen geschützt werden?

Breier:
Nicht alle. Das ist alles total kompliziert. Ich muss oft wie ein Lehrer auf dem Pausenhof durch den Raum laufen und dann innerhalb von Sekunden entscheiden, ob ich jemandem beistehen soll oder lieber nicht.

ZEIT: Dass Frauen sich nicht gern bevormunden lassen, hat auch Herr Rotzinger kürzlich erlebt, als er Frauen in einem Interview empfahl: „Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen“.

Rennette:
Herr Rotzinger, so etwas dürfen Sie als Vater sagen. Aber nicht als Polizeipräsident!

Rotzinger: Warum nicht?

Rennette:
Das ist Hohn dem Opfer gegenüber.

Rotzinger:
Der Satz bezieht sich doch gar nicht auf das Opfer. Der meint auch Männer, die mit drei Promille durch die Stadt torkeln.

Rennette:
Trotzdem. Ich habe auch eine 21-jährige Tochter. Ich sage ihr jedes Mal, dass sie vorsichtig sein soll. Als Mutter, Vater, Freundin kann man das sagen. Nicht als Polizeipräsident. Das kam bei vielen nicht gut an.

ZEIT: Herrn Rotzingers Äußerung wurde als victim blaming verstanden, als Schuldzuweisung an das Opfer. Da kam die Empörung von links. Der Shitstorm, den Sie, Herr Horn, erlebt haben, war weitaus heftiger. Er kam von rechts.

Horn: Ein AfD-Stadtrat postete: „Herr Horn, bitte stürzen Sie sich die Treppen runter.“ Ein Mann schrieb: „Dieses Dreckspack gehört an ihren muslimischen Eiern an der nächsten Straßenlaterne aufgehangen. Früher hatten wir dafür die Waffen-SS.“ Leute wünschten meiner Frau eine Vergewaltigung, ich erhielt Morddrohungen. Diese Menschen verstehen nicht, dass man Hass nicht mit Hass besiegen kann.

Wiessler:
Mir macht die Instrumentalisierung solcher Gewalttaten mehr Angst als mein dunkler Heimweg in der Nacht. Ich schätze Freiburg sehr für seine Liberalität. Aber auch hier wächst die Fremdenfeindlichkeit.

Horn: Die allermeisten derer, die mir diese Hassbotschaften schickten, haben überhaupt keinen Bezug zu Freiburg. Als die AfD nach der Tat ihre Demonstration auf dem Rathausplatz abhielt, schauten wir von hier oben aus dem Fenster. Da standen 200, vielleicht 250 Leute. Aber auf der Gegendemonstration, die durch die ganze Innenstadt zog, waren bis zu zehnmal mehr Menschen.

ZEIT:
Nach der Vergewaltigung von Maria L. hatte die AfD auch zur Demonstration aufgerufen. Damals folgten dem Ruf gerade mal 15 Leute. Der Eindruck, dass auch in Freiburg die Fremdenfeindlichkeit wächst, scheint nicht aus der Luft gegriffen. Frau Wiessler, kennen Sie denn Menschen, die der AfD nahestehen?

Wiessler:
Ich habe vor ungefähr zwei Jahren zum ersten Mal erlebt, dass jemand aus meinem Bekanntenkreis offen sagte, dass er die AfD wählt. Diese Freundin meinte, sie wolle nicht, dass ihr Kind im Sandkasten neben einem ausländischen Kind spielt. Dass solche Aussagen auch aus dem akademischen Studierendenkreis kommen, hat mich schockiert.

Mazarweh:
Akademiker sind auch Menschen, und die schwierigsten Aussagen über Ausländer bekomme ich tatsächlich von ihnen zu hören. Dass ich Ausländer bin, ist nicht zu übersehen. Ich bin weder blond noch blauäugig. Trotzdem habe ich Patienten, die unbedingt zu mir in Behandlung wollen – und die AfD wählen. Wenn ich die frage, warum sie es nicht wahrhaben wollen, dass ich auch einer von diesen Menschen bin, die sie ablehnen, dann sagen die: Nein, Sie sind anders.

ZEIT:
Frau Wiessler, haben Sie mit Ihrer Bekannten, die die AfD wählt, über die Gruppenvergewaltigung gesprochen?

Wiessler:
Nein, das vermeide ich bewusst. Ich will nicht, dass jemand solche Verbrechen nutzen kann, um die AfD zu unterstützen.

Rennette:
Aber es ist doch so wichtig, das zu thematisieren! Man muss mit Andersdenkenden reden.

„Wir brauchen eine viel effektivere Strafverfolgung“

ZEIT: Nicht miteinander zu sprechen – ist das ein Teil des Problems, Herr Mazarweh?

Mazarweh:
Ich denke da an ein Zitat von Pastor Martin Niemöller. Auf die Frage, warum seine Generation nichts gegen die Nazis unternommen habe, beschrieb er das Denken vieler Menschen damals so: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Das ist total zutreffend. Wir schauen weg oder haben Angst, eine andere Meinung zu vertreten. Aber Menschen sind für Menschen verantwortlich. Deshalb dürfen wir nicht schweigen.

ZEIT:
Was muss passieren, damit sich Verbrechen wie die Gruppenvergewaltigung nicht wiederholen?

Mazarweh:
Ich bin mir sicher, ich könnte bei diesen jungen Männern vieles verhindern durch intensive Aufklärungsarbeit. Wenn es Leute gibt, die aus Überzeugung bereit sind, mit diesen Jungs zu arbeiten, können wir eine Menge erreichen.

ZEIT:
Herr Horn, was kann die Stadt tun, um die Bevölkerung vor solchen Gewalttaten zu schützen?

Horn:
Wir haben gerade die Sicherheitspartnerschaft im Land Baden-Württemberg unterzeichnet. Da gibt’s eine Reihe von konkreten Schritten: eine erhöhte Polizeipräsenz. Fünf neue Ermittlungsassistenten, also Quereinsteiger, die die Polizei bei einfachen Tätigkeiten unterstützen. Sicherheits-Stadtteil-Konferenzen, bei denen wir die Bürger fragen, wie sie ihre Stadt wahrnehmen. Zudem wollen wir mehr Geld in Präventionsarbeit investieren. Die Täter des aktuellen Falles gehören aber in erster Linie ins Gefängnis, und da sitzen sie ja jetzt auch, jedenfalls acht von ihnen. Nach mindestens zweien wird leider noch gesucht.

Rennette:
Ich glaube, wir brauchen eine viel effektivere Strafverfolgung. Der Verwaltungsapparat ist zu langsam, zu schwerfällig, was auch immer.

Rotzinger: Wir stellen jetzt 1800 Polizisten pro Jahr ein, da sind die Beschlüsse gefasst worden, die wir brauchten. Mehr könnten wir in der Ausbildung gar nicht verkraften – die dauert ja drei Jahre, erst dann können wir die Neuen einsetzen.

Breier:
Ich hätte einen konkreten Wunsch. Wir würden im White Rabbit gern mit einem Awareness-Team arbeiten. Das sind speziell geschulte Mitarbeiter, an die sich Gäste wenden können, wenn sie sich bedroht oder belästigt fühlen. Das ist im Rahmen der Wirtschaftlichkeit leider nicht zu stemmen. Aber vielleicht könnten wir da mit der Stadt zusammenarbeiten.

Horn:
Das nehme ich gerne auf! Da können wir uns zusammensetzen.

ZEIT:
Wir haben nun sehr lange über die Hintergründe des Mordes an Maria L. und der Vergewaltigung der 18-Jährigen gesprochen. Aus Gründen des Opferschutzes ist wenig über die junge Frau bekannt, und das soll auch so bleiben. Zum Abschluss die Frage an Herrn Horn: Haben Sie versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen?

Horn:
Ich habe ihr einen Brief geschrieben, in dem ich mein Bedauern und mein tiefes Mitgefühl ausgedrückt habe. Aber auch ich als Bürgermeister weiß nicht, wie die Frau heißt oder wo sie wohnt. Ich habe den Brief an die Polizei weitergegeben, mit der Bitte um Weiterleitung.

Rotzinger: Das Opfer wird von einer unserer Ermittlerinnen betreut. Von ihr weiß ich, dass das Mädchen den Umständen entsprechend stabil ist.

Horn:
Ich habe zahlreiche unterstützende Zuschriften bekommen, auch von Leuten, die dem Opfer helfen wollen. Sie würden der jungen Frau gern etwas Gutes tun, etwa indem sie psychologische Behandlungen finanzieren. Ich finde, das ist ein schönes Zeichen. Wir legen das alles für sie ab. Sollte sie sich eines Tages melden, können wir ihr die Briefe überreichen.

Das Krisengespräch ist am 22.November 2018 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen.
Mitarbeit: Paul-Jonas Hildebrandt und Nadine Zeller