Eine Frühstückstour gegen Vorurteile

Foto: Lena Reiner

Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr ist die Initiative Frühlingserwachen nun zum zweiten Mal mit ihrem Frühstückbus eine Woche lang durch Friedrichshafen am Bodensee gefahren, diesmal direkt vor der Bundestagswahl. Die Initiatoren wollen auf diesem Weg mit den Menschen der Stadt ins Gespräch kommen, Vorurteile abbauen und das Miteinander fördern. 

„Was uns besonders freut, ist, dass uns die Menschen in diesem Jahr gezielt aufgesucht haben, um mit uns ins Gespräch zu kommen. Das zeigt uns, wie wichtig der Frühstücksbus ist und wie wichtig es den Menschen ist, im gegenseitigen Austausch zu bleiben“, sagt Billy Contreras, der in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal bei der Aktion für Vielfalt und Dialog engagiert hat.

Gespräche ohne Themenvorgabe

Entstanden ist das Projekt Frühstücksbus im Rahmen der „kommunalen Flüchtlingsdialoge“ des Landes Baden-Württemberg im Jahr 2016. Wieso das Wort „Flüchtling“ bei der Aktion nicht explizit erwähnt wird, ist vielleicht verwunderlich, aber schnell erklärt. Der Initiative Frühlingserwachen ist es wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und ohne Themenvorgabe ehrlich interessiert zu erfahren, was diese beschäftigt.

Und die Erfahrung zeigt, dass letztlich ohnehin häufig über dieses Thema geredet wird, auch ohne die Gespräche entsprechend zu überschreiben. Das zeigt etwas die Begegnung mit der Mutter eines Kindes mit Behinderung, die sich einen Apfel nimmt und aus der sofort herausbricht, dass sie nicht verstehen könne, wieso die Menschen sich über die vielen Ausländer beschweren anstatt zu fragen, wieso diese nach Deutschland kommen. „Ich saß mit einem jungen Mann im Zug, einem Syrer“, berichtet sie und beschreibt, wie erschüttert ihr Gegenüber von seinen Erinnerungen gewesen sei. „Er hat mir erzählt, wieso er gehen musste. Er hatte ein Haus und ein Auto. Dann fiel eine Bombe darauf.“

Vorurteile sind immer wieder zu hören

Immer wieder werden die Mitglieder der Initiative bei ihrer Tour durch Friedrichshafen auch mit den üblichen Vorurteilen konfroniert: „Die bekommen alles bezahlt, sogar den Führerschein.“ Trotzdem verlaufen die Gespräche ruhig, manch einer, der mit einer festen Meinung ankommt, verlässt den Platz nachdenklich oder verspricht sogar, dass er sich nochmal überlegen werde, wem er künftig bei Wahlen seine Stimme gibt.

In einem zweitägigen Workshop, der sich bei der ersten Runde des Frühstücksbusses im vergangenen Jahr im Vorfeld der Landtagswahl bereits bewährt hat, haben die Ehrenamtlichen gelernt, wie man mit schwierigen Situationen umgehen kann. Und von Christoph Kuhlmann, der Workshops rund um das Themen Kommunikation und Deeskalation durchführt, haben sie außerdem in Rollenspielen vermittelt bekommen, dass Fakten nicht weiterhelfen, wenn jemand Ängste und Sorgen hat.

Viele kommen ganz gezielt zum Frühstücksbus

Diejenigen, die nun eine Woche lang an neun Standorten Fairtradekaffee, Brezeln und ihr offenes Ohr angeboten haben, haben viel dabei gelernt: Zuzuhören, Rückfragen zu stellen und sich ehrlich für ihr Gegenüber zu interessieren – ganz egal, welche Sorgen die Menschen umtreiben. Dass es sich dabei um kein weltfremdes Dialogmodell handelt, dafür stehen nicht zuletzt die vielen Menschen, die ganz gezielt zu den verschiedenen Standorten des Frühstücksbusses kommen, weil sie bereits im letzten Jahr schöne Gespräche dort führen konnten. „Es ist toll, was ihr da macht. Es sollte viel mehr solche Orte geben, an denen Menschen wirklich miteinander reden können“, erklärt beispielsweise eine Anwohnerin, die sich auch vom ungemütlichen Nieselregen an einem der Vormittage nicht abschrecken lässt.

Eine Bewegung für Vielfalt

Eine andere hat über die Aktion in der Zeitung gelesen und steuert gezielt auf das bunte Banner zu. „Ich bin neu in der Gegend und möchte mit Menschen ins Gespräch kommen“, sagt sie. Das gelingt ihr an diesem Tag auch, denn nicht selten können sich die Mitglieder der Initiative zurückziehen, sobald ein reges Gespräch in Gang gekommen ist. Sie bleiben dabei aber stets als Beobachter in der Nähe, um sicher zu gehen, dass niemand einfach nur Streit sucht. Den lehnt die Initiative Frühlingserwachen als Ideengeber für den Frühstücksbus ab. Diese Überzeugung zeigt sich auch darin, dass sich die Initiative selbst vom ursprünglichen Protest gegen populistische Parteien hin zu einer Bewegung für Vielfalt entwickelt hat -  weg vom reinen „Dagegen“, hin zu einem gemeinsamen Ziel.

(Lena Reiner, Initiative Frühlingserwachen)