Schüler engagieren sich für Flüchtlinge

Stuttgart: Erst waren die Schülerinnen und Schüler der Elise-von-König-Gemeinschaftsschule in Stuttgart-Münster skeptisch, als ihre Lehrerin Bianka Buttinger vorschlug, im Ethik-Unterricht das Thema „Flüchtlinge“ zu behandeln. 

Doch dann überwog die Neugier, sich mit einem aktuellen Thema zu beschäftigen, über das fast täglich in den Medien berichtet wird. Zunächst lud die Schule Gerhard Bock zu einem Vortrag ein. Er koordiniert beim Sozialamt Stuttgart die Arbeit der 26 Flüchtlingsfreundes-kreise der Stadt. Danach stand der Besuch einer Flüchtlingsunterkunft auf dem Stundenplan der Neuntklässler. Kanwal Ali (16), deren Eltern aus Pakistan stammen, und Zani Ademov (15), dessen Familie aus Mazedonien kommt, erzählen im Interview mit Cornelia Geidel, was sich für sie durch das Projekt verändert hat.

Nach der Einführung in das Thema habt ihr die Flüchtlingsunterkunft in der Tunzhofer Straße in Stuttgart-Nord besucht. Wie habt ihr diesen Besuch erlebt?
Kanwal Ali: Am Anfang wollte ich gar keine Flüchtlingsunterkunft besuchen. Ich dachte, vielleicht schauen die uns komisch an. Aber es waren alle richtig nett zu uns. Wir waren bei manchen im Zimmer, sie haben uns Kaffee angeboten und waren sehr gastfreundlich. Wir sind dann bei ihnen gesessen und sie haben uns ihre Geschichten erzählt.
Zani Ademov: Ich konnte mir gar nicht vorstellen, alleine dorthin zu gehen. Als wir dann da waren, fand ich alles voll interessant, weil ich  neue Leute kennengelernt habe, auch einen Landsmann von mir. Mit dem konnte ich mich auf Romanes unterhalten, der Sprache der Roma. Er hat mir viel über sein Leben erzählt, sehr krasse Dinge.

Nach dem Besuch wolltet ihr den Menschen helfen. Was habt ihr gemacht?
Kanwal: Als wir gesehen haben, wie die Flüchtlinge leben, in ganz kleinen Zimmern und mit einer Gemeinschaftsküche, hat uns das leidgetan und wir haben uns überlegt, was wir machen können. Da es kurz vor Weihnachten war, hatten wir die Idee, gemeinsam Plätzchen zu backen. Die haben wir dann schön verpackt und beim Weihnachtsmarkt auf unserem Schulhof verkauft. Wir haben auch einen Flyer gestaltet, auf dem stand, dass wir Flüchtlingen helfen wollen und wir Spenden sammeln, gut erhaltene Kleidung zum Beispiel. Da kam einiges zusammen. Wir haben die Flüchtlinge gefragt, was sie am meisten benötigen, und haben für die Kinder Hefte und Stifte gekauft. Die restlichen Einnahmen haben wir ihnen gespendet. Die Flüchtlinge, die wir näher kennengelernt hatten, haben wir zu unserem Weihnachtsmarkt eingeladen, sie von der Unterkunft abgeholt, ihnen Kuchen spendiert und uns mit ihnen unterhalten.

Denkt ihr jetzt anders über Flüchtlinge als früher?
Kanwal: Meine Denkweise hat sich sehr verändert. Ich habe am Anfang gedacht, dass diese Menschen nur nach Deutschland kommen, weil sie  sich hier hocharbeiten wollen. In der Zwischenzeit habe ich mit drei Klassenkameradinnen sogar meine Projektarbeit über das Thema gemacht und mich noch genauer damit befasst. Mittlerweile finde ich es sehr gut, dass wir Flüchtlinge aufnehmen, denn ich kenne die Gründe dafür und weiß, dass nicht jeder aufgenommen wird. Ich denke jetzt ganz anders über das Thema und habe nichts mehr gegen Flüchtlinge.
Zani: Mir geht es genauso. Ich habe auch gedacht, dass Menschen aus anderen Ländern nur hierherkommen, um Kindergeld und so abzukassieren. Aber jetzt weiß ich, dass es in vielen Ländern Krieg gibt und dass diese Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden.

Sollten andere Schulklassen ein ähnliches Projekt durchführen?
Zani: Ja, auf jeden Fall, denn das hilft, einen neuen Einblick zu bekommen. Wir waren richtig unterwegs und sind nicht nur immer in der Schule herumgesessen, das war voll cool.
Kanwal: Das war wirklich ein Projekt, bei dem wir viel gelernt haben und zeigen durften, was wir für andere Menschen machen wollen. Das waren meine schönsten Ethik-Stunden im ganzen Schuljahr. Ich würde es jeder Klasse empfehlen.
Zani: Und ich habe meine soziale Ader entdeckt. Ich dachte immer, ich sei nicht so sozial, aber als wir die Flüchtlingsunterkunft besucht haben,  ist mir aufgefallen, dass ich voll bei der Sache bin.
Kanwal: Ja, ich dachte auch, dass ich ein Mensch bin, der ins Büro gehört. Aber jetzt weiß ich, dass ich auch ehrenamtlich arbeiten würde. Ich finde, es macht voll Spaß, Menschen zu helfen – und man fühlt sich gut dabei.

(cg)