Aus fremden Zwillingen werden Freunde

Foto: andreas-sauer-fotodesign.com

Wo wir geboren sind, ist Zufall – aber einer, der unser Leben prägt. Aus diesem Gedanken kann viel Empathie für das vermeintlich Fremde entstehen. Das Café Mondial in Konstanz ist dieser Idee nachgegangen und hat Flüchtlinge und Einheimische zusammengebracht, die am selben Tag oder im selben Jahr geboren wurden. Eine Begegnung auf Augenhöhe.

Rund eineinhalb Jahre nach Beginn der großen Flüchtlingsbewegung wird deutlich, dass die Integration von Flüchtlingen eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe bleibt. Denn nach dem Ankommen kommt das Bleiben, und neben einem Dach über dem Kopf brauchen Flüchtlinge dafür vor allem persönliche Kontakte. „Auch viele Einheimische suchen diesen Kontakt, tun sich aber manchmal schwer damit“, sagt Stefanie Strehlow, die das bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Café Mondial häufig beobachtet, einem gemeinnützigen Verein, der in Konstanz Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Motivationen und Talenten zusammenbringen möchte.

So entstand die Idee, eine Begegnung zwischen Menschen mit dem gleichen Geburtsdatum zu ermöglichen. An dieser Gemeinsamkeit knüpft das Projekt „Mein fremder Zwilling“ an – und nicht an religiösen, kulturellen oder sozialen Unterschieden. Mit der Kommunikationsagentur „Die Regionauten“ hat das Café Mondial das Konzept ausgearbeitet und damit das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und die Robert Bosch Stiftung gleichermaßen überzeugt: Beide Einrichtungen sind Projektförderer. So kam es, dass sich das Café Mondial im Sommer 2016 auf Zwillingssuche machen konnte. Dank vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, der Unterstützung durch die Stadt Konstanz und Aufrufen in regionalen Print- und Onlinemedien fanden sich letztlich über 80 Menschen, die ihren fremden Zwilling kennenlernen wollten – darunter zwei „echte“ Zwillinge mit gleichem Geburtsdatum und acht Paare, die im selben Jahr geboren sind.

In zwei Treffen im Oktober lernten sich die zwölf Zwillingspaare dann kennen: Eine intensive Begegnung auf Augenhöhe, voller Neugier, Respekt und Herzlichkeit – und ganz ohne Helfer-Geholfenen-Asymmetrien, Erwartungen oder Verpflichtungen. Einer der Geflüchteten ist Bahram Rezaei aus Afghanistan. Warum er am Projekt teilnimmt? „Mich hat einfach interessiert: Wie hat jemand, der genau so alt ist wie ich, seine Kindheit und Jugend hier in Konstanz erlebt“, sagt Bahram Rezaei.

Aus den Treffen entstehen ein kurzer Dokumentarfilm, eine breit angelegte Plakat-Kampagne in Konstanz und eine Ausstellung mit Bildern der Zwillings-Paare, die Anfang 2017 zu sehen sein wird. „Damit wollen wir einen Denkanstoß geben: Wo ich geboren bin, ist purer Zufall – aber einer, der unser Leben ganz entscheidend prägt“, sagt Harald Kühl von den Regionauten. Aus diesem Gedanken könne echte Empathie für den jeweils Fremden entstehen – und damit eine wesentliche Voraussetzung für gelungene Integration.

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