Deutsch lernen für eine Zukunft im fremden Land

Kurz bevor in Vaihingen an der Enz die ersten syrischen Flüchtlinge ankamen, gründete sich der Arbeitskreis Asyl. Der Zuspruch aus der Bevölkerung war enorm. Ein wichtiger Baustein, um die Neuankömmlinge in die Gesellschaft zu integrieren, ist das Erlernen der Sprache. Wir haben dem ehemaligen Deutschlehrer Olaf Büscher bei seiner neuen Aufgabe über die Schulter geschaut.

„Ich heiße Hasan. Ich bin Flüchtling. Ich komme aus Syrien. Ich wohne in Vaihingen. Ich möchte Deutsch lernen.“ Vorsichtig betrete ich das Klassenzimmer in der Ferdinand-Steinbeis-Realschule in Vaihingen an der Enz, sechs Augenpaare schauen mich interessiert und freundlich an. Mein Besuch ist angekündigt und anscheinend komme ich genau zum richtigen Zeitpunkt: Die erwachsenen Schülerinnen und Schüler lernen gerade, sich auf Deutsch vorzustellen und können ihre neu erworbenen Kenntnisse gleich ausprobieren. Sie alle kommen aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens, sind aber Palästinenser. Obwohl sie in Syrien geboren sind, haben sie keine syrische Staatsbürgerschaft, in ihrem Pass steht: staatenlos. Ihr Lehrer ist Olaf Büscher, der frühere Rektor der Schule. Seit zwei Jahren ist er im Ruhestand. Als er hörte, dass Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland nach Vaihingen kommen, wollte er sich spontan engagieren: „Ich finde es gut, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufnimmt, aber muss man sich auch um sie kümmern und sie versorgen. Sie sollten nicht dem Zufall überlassen sein.“

Ganz allein am Flughafen

Bei den Syrerinnen und Syrern in Vaihingen handelt es sich nicht um Asylbewerber, sondern um sogenannte „Kontingentflüchtlinge“. Deutschland hat sich bereit erklärt, ein Kontingent von 20.000 Menschen aus Syrien aufzunehmen. Hasan ist mit seiner Frau Suzan und den beiden 15-jährigen Zwillingen Hani und Qassem also ganz legal mit einem Visum nach Deutschland eingereist. Er darf sich hier eine Wohnung suchen und arbeiten. Doch so einfach ist das natürlich nicht, wenn man gerade sein gesamtes bisheriges Leben hinter sich gelassen hat und weit weg von Zuhause noch einmal von vorne anfängt. Die ersten Wochen waren schrecklich, erzählt mir Hasan auf Englisch. Die Familie sei am 30. Dezember kurz vor Mitternacht am Stuttgarter Flughafen gelandet. Jeder mit einem Koffer in der Hand, alle zusammen mit 1000 Euro in der Tasche. Sie konnten die Sprache nicht und wussten nicht, wo sie hinmussten. Keiner konnte ihnen helfen, die Behörden hatten über die Feiertage geschlossen. Ihre Odyssee führte über Zirndorf, Fürth, Ludwigsburg und Kornwestheim. Erst am 20. Januar kamen sie an ihrem Bestimmungsort an: Vaihingen an der Enz bei Stuttgart.

Viel ehrenamtliches Engagement

Kurz vorher, im Dezember, hatte sich dort der Arbeitskreis Asyl gegründet. Wie an vielen Orten war der Zuspruch aus der Bevölkerung groß: Sechzig Ehrenamtliche wollten die Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen den Neustart in Deutschland erleichtern. Hasan und seine Familie sind sehr dankbar dafür. Als eines Morgens, kurz nach ihrer Ankunft in der Stadt an der Enz, zwei Mitglieder des Arbeitskreises an ihre Tür klopften und fragten, ob sie ihnen helfen können, wusste der 50-Jährige Elektroingenieur, dass er hier gut aufgehoben ist, da es Menschen gibt, die sich für ihn und sein Schicksal interessieren.
Auch ein Betätigungsfeld für Olaf Büscher war schnell gefunden. Es stellte sich heraus, dass die Integrationskurse, in denen neben der Sprache auch die deutsche Rechtsordnung, Geschichte und Kultur vermittelt werden, erst wieder in einem halben Jahr freie Plätze haben. Da lag es nahe, dass der ehemalige Deutschlehrer die Zeit nutzt und den syrischen Flüchtlingen zumindest so viel Deutsch beibringt, dass sie ihren Alltag bewältigen können.

Der größte Wunsch: in Frieden leben

Hilfreich ist dabei das „Bildwörterbuch Deutsch“, in dem die 500 wichtigsten Wörter abgebildet sind. Bei meinem Besuch in der Vaihinger Schule ist nach der Vorstellungsrunde das Einkaufen von Haushaltsgegenständen dran. „Ich möchte eine Bürste kaufen, bitte geben Sie mir eine Bürste“, formuliert die 40-jährige Suzan stolz und schon ganz flüssig.
Was Hasan und Suzan mit ihren beiden Jungs noch möchten? Hasan sagt es, heute noch auf Englisch, aber bestimmt schon bald auf Deutsch: „Wir möchten eine Arbeit finden und sehen, wie unsere Kinder groß werden und studieren. Wir möchten hier in Deutschland eine Zukunft haben und in Frieden leben.“ (cg)

Fotos: Cornelia Geidel