"Zeichensprache": Deutsch lernen in Bildern

(Oberndorf) Mit Hilfe der Kunst eine Sprache erlernen? Durch künstlerisches Arbeiten, Zeichnen und Malen Deutsch verstehen und sprechen lernen: kann das funktionieren? Diese Frage beschäftigte die Leiterin der Jugendkunstschule Kreisel schon länger. Seit dem Frühjahr 2015 kann sich die Jugendkunstschule nun durch die Förderung des Innovationsfonds des Landes Baden-Württemberg der Umsetzung dieser Idee widmen. In Kooperation mit der Bürgerstiftung Oberndorf bewarb sie sich um die Mittel und kann dadurch nun mit ca. 60 jungen Flüchtlingen oder Migrantenkindern fast ein Jahr lang arbeiten.

Ganzheitlicher Lernansatz: Sprache lernen durch malen

Zweimal wöchentlich malen, zeichnen, collagieren und bauen die jungen Flüchtlinge nun zusammen mit den Dozenten der Jugendkunstschule Kreisel mit dem Ziel, deutsch verstehen und sprechen zu lernen. Und dieser Feldversuch könnte, wenn er Erfolg zeigt, in Zukunft vielleicht auch als Modell dienen, um die deutsche Sprache auf eine neue, alternative Art zu vermitteln. Das Konzept der Jugendkunstschule Kreisel beruht auf der Arbeit mit Bildern, Symbolen, Zeichen und Piktogrammen, die weltweit verstanden werden. Ob Emojis oder Bildzeichen aus historischen Sprachen: diese Zeichen verwenden keine Buchstaben oder Silben, sondern zeigen ein Bild. Dadurch  werden ihre Botschaften  über Sprachgrenzen hinweg verstanden. Und da kleine Kindern oft noch vor dem Schreiben zeichnen um sich auszudrücken, möchte die Jugendkunstschule diesen oft spontanen Ansatz nutzen, um mit Hilfe der „Zeichensprache“ jungen Flüchtlingen einen spannenden Einstieg in das Erlernen der neuen Sprache zu geben. Die Kinder und Jugendlichen beschäftigen sich in einer Art ganzheitlichem Lernansatz mit Themen, die sie selbst betreffen: zum Beispiel ihrem Körper, Kleidung, Essen, Sport, Freizeit oder ihre Wohnsituation in der alten wie auch der neuen Heimat.  Neben dem Zeichnen von Bildergeschichten werden auch andere künstlerische Techniken eingesetzt, um alle Sinne der jugendlichen Schüler anzusprechen. Das angestrebte Ziel soll vor allem  die positive Bereitschaft der Schüler sein, die Sprache wirklich lernen zu wollen und sich dabei zunehmend selbständig auszudrücken. Die Lust auf „Deutsch“ und die deutsche Kultur soll nicht durch auswendig lernen von Vokabel entstehen sondern durch vielfältige Impulse, die Geist und Fantasie anregen. Die Schüler/innen sollen in kürzester Zeit zur Kommunikation befähigt werden und sich dadurch auch mit anderen austauschen können. Nur wenn sie sich künftig als Teil der Gesellschaft fühlen, deren Sprache sie sprechen und in die sie sich auch gerne und aktiv einbringen wollen, kann es gelingen Parallelgesellschaften zu vermeiden - davon sind sowohl die Verantwortlichen der Bürgerstiftung wie auch der Jugendkunstschule überzeugt.

Regelmäßige Kurse

Seit dem Start der „Zeichensprache“ Anfang April wurden inzwischen ca. 250 wöchentliche Projekttermine in Kooperation mit drei Schulen des Landkreises Rottweil abgehalten, die die Flüchtlingskinder und -jugendliche aus ihren Klassen dafür auswählten. Nur so konnten die Schüler mit geringen Deutschkenntnissen regelmäßig erreicht werden. Die Schüler/innen kamen zweimal wöchentlich für 90 Minuten in die „Zeichensprache“-Kurse, die Gruppengröße der fünf laufenden Kurse lag zwischen neun  und sechszehn Schüler/innen. Drei dieser Kursgruppen integrierten Jugendliche der Klassen 5 – 9, in einer weiteren Gruppe befanden sich Kinder der Klassen 1-4, in der letzten Gruppe dann besonders traumatisierte Kinder aller Altersstufen. Die Herkunftsländer waren bunt gemischt: neben den Flüchtlingskindern aus Syrien oder Afghanistan, gab es Schüler/innen, die aus Palästina, dem Libanon, aus Serbien, Kroatien, Albanien, oder dem Kosovo kommen. Auch Jugendliche aus Ungarn, Bulgarien, Russland, Griechenland, Spanien oder Italien wurden vereinzelt in die „Zeichensprache“-Gruppen integriert, wenn sie ganz frisch angekommen sind und kein Deutsch verstehen.

Sprache mit allen Sinnen erfahren

Nicht nur der Grundwortschatz soll durch die „Zeichensprache in Bildform oder über Piktogramme vermittelt werden, sondern auch die Darstellung von Bewegungsformen und Zeitabläufen. Dies ist komplexer als Aufgabe zu formulieren und vielfältiger zu zeichnen und gestalten, die Dozenten müssen kreative Ansätze der Vermittlung entwickeln. Spiele wie Piktogramm-Memory, Würfelspiel mit Symbolen, Graffitispray-Aktion von Markenzeichen und Logos, Chart-Hits bebildern… und mehr, holen die Jugendlichen bei Ihren Interessen ab und sind sehr beliebt. Auch das Ansprechen der Sinne durch Testen und Schmecken von Lebensmitteln und anschließendem Aufzeichnen und Malen der Dinge und Worte, tragen dazu bei, die neue Sprache mit den Sinnen zu erfahren. Unter anderem wird auch mit selbst gebauten Figurinen aus Pappe gearbeitet, die an den Gelenken beweglich sind. Dabei lassen sich schnell und einfach sitzende, stehende, laufende Personen zeichnen, diese können sich auf dem Bild überschneiden, was wiederum Räumlichkeit erzeugt und die Thematik und den Wortschatz der gesamten Perspektive ermöglicht. Thematiken wie alte Heimat oder neue Heimat, Bauformen und verschiedenartige Wohnverhältnisse, erlauben den Blick auf die Kulturen der Herkunftsländer und eröffnen Felder der Sprache, mit denen die die Kinder etwas Persönliches, sie Betreffendes verbinden.  Durch den nun häufigen Gebrauch von Stiften, Farben, Papier und Schere werden alle zusehends gewandter im Umgang, das rein praktische Tun  lässt anfängliche Blockaden wegbröckeln. Zeichnen und Gestalten dient dabei nicht nur als Grundlage des Sprachelernens sondern auch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Person und dem bislang Erlebten, was an den entstehenden Blättern oft deutlich abzulesen ist.

Lernfortschritte durch Lust auf Sprache

Sowohl bei den Kindern wie auch bei den Jugendlichen sind klare Fortschritte des Sprache-verstehen-könnens abzulesen.  Besonders aber das erworbene Selbstbewusstsein beim Versuch die Bilder in Worte umzusetzen, sticht hervor. Bei nahezu allen Beteiligten hat sich die Lust etwas zu sagen deutlich gesteigert und die Angst zu „versagen“ oder eine Niederlage zu erleben, stark zurückgegangen. Auch ein erster Austausch mit den VKL-Lehrern der Schulen hat begonnen, um Lernfortschritte erkennen zu können und den Schulen einen Überblick über das Vorgehen der Jugendkunstschule im Rahmen des Projektes  zu geben. (F. Hogh-Binder)