Von Zwangsheirat und Gewalt bedroht

Immer wieder erleben junge Migrantinnen in ihrer Familie massive Gewalt, als letzter Ausweg hilft mitunter nur noch die Flucht. An sie richtet sich das Wohnprojekt ROSA der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart. Die Einrichtung nimmt bundesweit junge Migrantinnen auf, die Schutz suchen, weil sie von Zwangsheirat und so genannter „Gewalt im Namen der Ehre“ bedroht sind. Eine Betroffene erzählt ihre Leidensgeschichte.

Hinter der 23 Jahre alte Alessia (Name geändert) liegt ein Martyrium. Vor ihr liegt ein neues Leben, in dem die junge Frau noch viel erreichen möchte. Nachdem sie jahrelang von ihrer Familie geprügelt und gequält wurde, ist sie in einer kalten Winternacht mit ihren Schulsachen im Rucksack geflohen. Das war vor etwa sechs Jahren. Seit sie über das Wohnprojekt ROSA der Evangelischen Gesellschaft (eva) begleitet wird, hat sie gelernt, wieder an ihre Träume zu glauben und Gefühle zu zeigen.

Der düstere Schatten liegt noch immer auf ihrer jungen Seele, auch wenn sie immer wieder ausgelassen lacht, während sie aus ihrem Leben erzählt. Sie wirkt vergnügt, wie eine junge Frau, die sich oft mit Freunden trifft, gerne ausgeht, ihre Zeit am liebsten in Gesellschaft verbringt. Doch der erste Eindruck täuscht. „Ich habe über die vielen Jahre gelernt, meine wahren Gefühle nicht zu zeigen, sie zu verstecken“, sagt Alessia. „Und ich bin gut darin.“

Landesweit einzige Beratungsstelle dieser Art

Die 23-Jährige sitzt an diesem Abend zusammen mit ihrer Betreuerin in einem der Rückzugsräume der Beratungsstelle YASEMIN, in der Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund beraten und begleitet werden, die Ähnliches wie Alessia erlebt haben. Mehr als 500 Gespräche mit über 300 Betroffenen, Lehrern und vertrauten Dritten sind alleine im vergangenen Jahr von den Mitarbeiterinnen der landesweit einzigen Beratungsstelle dieser Art geführt worden. Alessia selbst kommt aus einem anderen Bundesland und war von einer Fachberatungsstelle dort nach Stuttgart und zur eva vermittelt worden, möglichst weit weg von Zuhause, wie sie erzählt. Was die junge Frau erzählt, ist erschütternd. Keine Liebe, keine Umarmungen, keine Nähe. Stattdessen wurde sie täglich geprügelt, nicht nur von den Eltern, die Kurden sind, sondern auch von ihren Geschwistern. „Wenn jemand wegen irgendetwas wütend war, hat er es an mir ausgelassen, weil ich die Schwächste war“, erzählt sie.

Vollkommen ausgeliefert war sie den Launen in ihrer Familie auch deshalb, weil sie lediglich zur Schule aus der Wohnung durfte, nach dem letzten Klingeln sofort wieder zurückkommen musste. Sich mit Freunden zu treffen, mit ihnen zu spielen, auszugehen oder irgendetwas von dem zu tun, was für Gleichaltrige eine Selbstverständlichkeit ist, hat Alessia in ihrer Kindheit und Jugend nie erlebt. „Ich musste immer Zuhause sein, hatte keinerlei Privatsphäre“, sagt sie. Als dann mit zunehmendem Alter auch noch das Thema Zwangsverheiratung immer präsenter wurde und ihre Mutter drohte, sie standesgemäß mit einem älteren Mann im Ausland zu verheiraten, wie es sich für eine Jesidin gehört, wollte sie nur noch eines: Möglichst schnell weg.

Möglichst weit weg vom Elternhaus

Die Gelegenheit dazu ergab sich, nachdem sie in ihrer Schule von einer Lehrerin angesprochen wurde. Ihr war aufgefallen, dass Alessia immer verschlossener und trauriger wurde, sich nicht einmal mehr fürs Klassenfoto zu den anderen stellen wollte. Bereits eine Woche später traf sie sich in einer Beratungsstelle zum Gespräch mit einer Sozialpädagogin. Eine weitere Woche danach packte sie nachts ein paar Sachen zusammen, ihre Schulsachen vor allem und ihre Kamera, drückte noch einmal ihren kleinen Bruder und zog ein letztes Mal die Türe hinter jener Wohnung zu, die ihr über viele Jahre zu einem Gefängnis geworden war. „Es war ein kalter Wintermorgen, es hat geregnet und ich habe geweint – vor Glück“, erzählt sie.

Knapp zwei Monate nach ihrer Flucht, bei der ihr die Vertrauenslehrerin geholfen hatte, ist Alessia vor etwa sechs Jahren zum ersten Mal Aischa Kartal (Name geändert) begegnet, die das Wohnprojekt ROSA der eva leitet. Nach dem Kontakt über die Fachberatungsstelle aus ihrer alten Heimat war Alessia in das Wohnprojekt ROSA aufgenommen worden. Seither hat die junge Frau dort vieles gelernt und mehrere Phasen durchlaufen; sie wird bis heute von Aischa Kartal betreut und begleitet. „Die betroffenen Frauen und Mädchen, die sich nur durch Flucht einer Zwangsverheiratung oder einer anderen Bedrohung entziehen können, werden möglichst weit weg von ihrem Elternhaus untergebracht“, erklärt die Sozialpädagogin Aischa Kartal. „Die Gefahr, sich wieder zu begegnen und von der Vergangenheit eingeholt zu werden, wäre sonst viel zu groß.“

Den Weg in die Selbstständigkeit finden

Das Wohnprojekt ROSA richtet sich an junge Migrantinnen zwischen 16 und 21 Jahren aus dem gesamten Bundesgebiet und soll ihnen helfen, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und den Weg in die Selbstständigkeit zu finden. Das erste, was die jungen Frauen in den Wohngruppen von ROSA lernen müssen, sei anonymes Verhalten, erzählt Aischa Kartal. Kontakt zur Familie aufzunehmen sei zwar grundsätzlich möglich, aber nur in einem geschützten Rahmen, etwa per Telefon mit Rufnummernunterdrückung. Wer bei ROSA unterkommt, durchläuft in der Regel drei verschiedene Wohnphasen, in denen jeweils unterschiedliche pädagogische Schwerpunkte gesetzt werden. In der ersten Wohngruppe gehe es vor allem darum, sich sicher zu fühlen, zur Ruhe zu kommen, das Erlebte aufzuarbeiten und Alltagskompetenzen zu lernen, so Aischa Kartal. In der zweiten Phase ziehen die jungen Frauen dann in eine andere Wohngruppe, um dort ihre Selbstständigkeit weiter zu festigen, den Schulabschluss nachzuholen, eine Ausbildungsstelle zu finden und auch mal Freunde einladen zu können. „Hier bereiten wir sie darauf vor, wie es ist, ganz selbstständig zu wohnen“, erklärt die Sozialpädagogin, die zusammen mit ihren Kolleginnen die Bewohnerinnen auf ihrem schwierigen Weg intensiv begleitet.

Neben der pädagogischen Hilfe ist meist auch eine langjährige Therapie nötig, um das Erlebte zu verarbeiten. Viele der Mädchen leiden an Traumafolgestörungen, auch Alessia wird deswegen behandelt. „Die Vergangenheit holt unsere Mädchen immer wieder ein“, sagt  Aischa Kartal. Rund 80 Anfragen für einen Platz bei ROSA kommen jährlich aus der ganzen Republik zusammen, die Kapazitäten sind aber auf zwölf Plätze begrenzt. Jeweils vier Bewohnerinnen leben in den beiden Wohngruppen, dazu gibt es noch Wohnungen, in denen die Frauen in der dritten Phase alleine leben können, aber weiter betreut werden. Die 23-jährige Alessia ist schon vor einiger Zeit in ihre eigene Wohnung gezogen. Sie studiert Kunst, geht gerne auf Ausstellungen, zeichnet leidenschaftlich, tanzt gerne und will sich demnächst einen Traum aus ihrer Kindheit erfüllen, wie sie sagt. „Ich wollte schon immer nach Japan“, erzählt sie. Sie sei auf einem guten Weg, habe viel gelernt und große Fortschritte gemacht, sagt ihre Betreuerin. Vieles liegt hinter hier, dunkle Stunden und Zeiten tiefer Depression. Nun will sie vor allem nach vorne schauen, was aber noch nicht immer gelingt. Einen neuen Namen hat sie sich bereits zugelegt, offiziell eingetragen in ihrem Pass. Bis sie selbst ein neuer Mensch ist, sagt Alessia zum Abschied, „wird es wohl noch ein paar Jahre dauern“. (Markus Heffner)