Interview mit der Flüchtlingsbegleiterin Anne-Rose Lindel vom Arbeitskreis Asyl Süd in Tübingen

Frau Lindel, welchen Stellenwert hat „Schwimmen für alle Kinder“ in Ihrer persönlichen Flüchtlingsarbeit?

Anne-Rose Lindel: Schwimmen ist für die Kinder und Jugendliche eine Aktivität, die ihr Selbstwertgefühl enorm stärkt. Damit ist es auch für unsere Arbeit ein sehr positiver und erfreulicher Teil. Denn wenn es den Betreuten gut geht, dann ist die Arbeit für uns viel einfacher, nachhaltiger und auch weniger anstrengend.

Was hat der Schwimmunterricht Ihrer Erfahrung nach bewirkt?

Ein wichtiger Effekt ist wie schon gesagt die Stärkung der Persönlichkeit, die mit dem Schwimmunterricht und dem Erlernen von etwas ganz Neuem verbunden ist. Für die Kinder und Jugendlichen ist das eine Möglichkeit, außerhalb ihres sonstigen Lebens zusammen mit anderen etwas zu lernen, das Spaß macht. Gleichzeitig werden sie dabei auch selbstständiger. Zudem hat das Projekt enormes Integrationspotential, weil im Schwimmbad eben auch andere Menschen sind. Es ist einfach ein schönes Gefühl, zu erleben, dass sich jemand speziell um einen kümmert. Und die Schwimmlehrer sind alle sehr fürsorglich mit den Kindern und Jugendlichen. Für die jungen Mädchen war die Schwimmlehrerin auch so etwas wie ein Vorbild, die zeigt, was man als Frau schaffen kann. Und nicht zuletzt hilft der Schwimmunterricht auch bei der Verarbeitung der Fluchterfahrungen, weil dabei die Angst vor dem Wasser abgebaut wird. Das gilt vor allem für die Jugendlichen, die über das Mittelmeer gekommen sind.

Was haben Sie als hilfreich, was als schwierig empfunden?

Hilfreich finde ich, dass das Projektteam immer so schnell erreichbar ist und mir zuverlässig auf Fragen antwortet. Als schwierig empfinde ich den Anfang des Schwimmunterrichts, wenn das Bad gezeigt und erst alle möglichen Badesachen beschafft werden müssen. Auch an den Termin muss anfangs immer wieder erinnert werden, bis sich alles eingespielt hat. Aber letztlich wird man dann belohnt durch die Freude der Kinder und Jugendlichen. Oft bleibt der Kontakt auch hinterher bestehen. So schreiben mir Kinder, die hier schwimmen gelernt haben und später mit ihrer Familie abgeschoben wurden, immer wieder über WhatsApp, wie schön das Schwimmen war. Und das Gelernte kann ihnen auch niemand mehr nehmen. Sie lernen hier fürs Leben!

Haben Sie durch den Schwimmunterricht Veränderungen bei den Kindern festgestellt?

Sie sind zufriedener, oft weniger aggressiv oder weniger in sich zurückgezogen, einfach selbstbewusster. Man kann auch sehen wie sie wachsen und reifen.

Welche Bedeutung hat die Jahreskarte für die erfolgreichen Bronzekinder, wird sie auch genutzt?

Die Jugendlichen, die ich betreut habe, haben sich wirklich sehr über die Jahreskarte gefreut. Manche sind sogar noch hier ins Schwimmbad gegangen, nachdem sie von Tübingen weggezogen waren. Das zeigt, was mit diesem Projekt alles erreicht werden kann und welches Potenzial es hat. Ich finde die Arbeit von „Schwimmen für alle Kinder“ grandios, nicht zuletzt deshalb, weil das Ganze schon so lange läuft. So viele Menschen haben bisher das Schwimmen gelernt und sind ein Stück mehr hier in Tübingen angekommen.