Weihnachten feiern mit Flüchtlingen

Die vier Adventswochen sind eine besondere Zeit in Deutschland: Die Innenstädte und die Häuser sind festlich geschmückt, Lichter funkeln von hohen Tannen, die Buden der Weihnachtsmärkte verströmen einen Duft nach Glühwein und Lebkuchen, in den Fußgängerzonen drängen sich geschäftige Menschen, um Geschenke für ihre Liebsten zu besorgen und das Weihnachtsfest im Kreise der Familie vorzubereiten. Die Kinder haben ihre Wunschzettel geschrieben und warten sehnsüchtig darauf, dass endlich das Christkind kommt und sie beschenkt. Am Nachmittag des Heiligen Abends hört dann schlagartig alle Hektik auf, eine verheißungsvolle Stille legt sich über das Land und das gemeinsame Feiern und sich freuen kann beginnen.

Doch wie erleben die Geflüchteten diese Zeit, die im Laufe des Jahres oder im vergangenen Jahr zu uns gekommen sind? Die alles in der Heimat zurücklassen mussten und meist nicht viel mehr besitzen als den Inhalt einer Tasche oder Plastiktüte? Die mit Kopf und Herz bei ihren Familienangehörigen und Freunden sind, die sie verlassen haben. Die die Enge in den Unterkünften und die Ungewissheit darüber aushalten müssen, ob Deutschland ihr Zuhause werden darf, ob ihnen der Neustart in diesem noch fremden Land gelingen wird. Ist es überhaupt möglich, dass Menschen gemeinsam religiöse Feste feiern, obwohl sie unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören?

Wir haben uns in Baden-Württemberg umgehört und auch viele Anregungen und Beispiele von Ehrenamtlichen erhalten, die wir Ihnen vorstellen. Vielleicht ist ja die eine oder andere Anregung für Sie dabei – wenn nicht für dieses, dann für nächstes Jahr.

LEA Ellwangen: Weihnachtsmarkt, Lichtermarsch und Konzert

Die Landeserstaufnahmestelle Ellwangen hat gemeinsam mit den Kirchen und vielen Ehrenamtlichen  ein buntes Programm für die Adventszeit und für Weihnachten zusammengestellt. Rund um den zweiten Advent fand auf dem Gelände der LEA der „Budenzauber“ statt, ein kleiner Weihnachtsmarkt für die Flüchtlinge mit Stollen, Punsch, Musik und Ponyreiten für die Kinder. Am dritten Advent führten die Katholische und die Evangelische Kirche ein Krippenspiel auf. Am vierten Advent macht der Freundeskreis Asyl mit den Flüchtlingen einen Lichterzug: Eine Gruppe läuft in der Stadt los, eine andere an der LEA, an einem zentralen Ort trifft man sich und singt gemeinsam Lieder. Am 25. Dezember um 17 Uhr veranstaltet die Stadt in der LEA ein Weihnachtskonzert mit dem Stuttgarter „Orchester der Kulturen“, zu dem sowohl die Flüchtlinge als auch die Ellwanger Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind. Auch Berthold Weiß, der Leiter der LEA Ellwangen, berichtet, dass die Lage trotz der Überbelegung eher entspannt ist: „Wir arbeiten alle hochkonzentriert. Obwohl wir momentan 3.000 Flüchtlinge haben, die zum Teil in Hallen und in beheizten Zelten auf dem Gelände leben müssen, hören wir relativ wenig Klagen.“ Ursprünglich war die LEA Ellwangen für bis zu 1000 Flüchtlinge ausgelegt.

Waibstadt: Backen für den Weihnachtsmarkt

Jedes Jahr am Samstag vor dem ersten Advent veranstalten die kirchlichen Organisationen in Waibstadt im Rhein-Neckar-Kreis einen Weihnachtsmarkt. Dieses Mal waren auch die Flüchtlinge mit einem eigenen Stand vertreten. Viele von ihnen leben seit September 2014 in der Kleinstadt mit ihren knapp 6.000 Einwohnern. Unterstützt vom Verein „Waibstadter Initiative für Flüchtlinge“ hatten sie selbstgebackenes, hübsch verpacktes Gebäck aus ihren Heimatländern und verschiedene Kaffee- und Teevariationen im Angebot. So gab es etwa Chai, einen Gewürztee mit Milch, und Kaffee mit Kardamom. Auch Filzsterne und Windlichter, die die Flüchtlingskinder im Spielkreis gebastelt hatten, wurden verkauft. „Es war ein toller Erfolg“, freut sich Martina Sigmann, die sich von Anfang an für die neuen Mitbürgerinnen und -bürger eingesetzt hat, „am Ende war alles ausverkauft. Das Schöne war, dass auch der ein oder andere Kritiker am Stand verweilt und einen Kaffee getrunken hat. So kam er mit den Flüchtlingen in Kontakt und hat sie näher kennengelernt.“ Nach anfänglichen Bedenken, ob und wie die kleine Stadt die rund 120 Flüchtlinge verkraften kann, engagieren sich mittlerweile viele Waibstadter Bürgerinnen und Bürger für die Neuankömmlinge, eine Vielzahl an Initiativen und Betreuungsangeboten ist entstanden. Ein Erfolgsrezept sei zum Beispiel, so Martina Sigmann, dass jeder Flüchtling einen Paten habe. Einmal pro Monat treffen sich die Paten und tauschen sich untereinander aus. Wie einige andere Waibstadter auch, lädt Martina Sigmann ihren Schützling an Heilig Abend zu ihrer Familie nach Hause ein. Felix, ein 32-Jähriger Nigerianer, freue sich schon darauf. „Wir machen das ganz klassisch, gehen gemeinsam in den Gottesdienst, genießen ein gutes Weihnachtsessen und anschließend ist Bescherung.“ Sie fügt hinzu: „Ich finde das spannend, man besinnt sich wieder einmal auf das Wesentliche, wozu Weihnachten eigentlich da ist.“

Mehr über die vielfältigen Aktivitäten der Waibstadter für „ihre“ Flüchtlinge lesen Sie hier.

Die Waibstadter Ärztin Maria Daub berichtet über ihr Engagement für zwei schwerkranke Flüchtlingskinder. Erfahrungsbericht lesen.

Webseite: waibstadter-initiative-für-flüchtlinge.de/

Stuttgart: Krippenspiel mit Flüchtlingskindern

 

 

 

 

 

In der Brenzkirche auf dem Killesberg im Stuttgarter Norden hat das Theaterspielen Tradition. Schon öfters hat der Theaterpädagoge Frieder Schmitz-Beek mit den Kindern und Jugendlichen der Gemeinde Theaterworkshops durchgeführt. Diesmal ist für Weihnachten ein besonderes Projekt geplant: Deutsche und geflüchtete Kinder entwickeln gemeinsam ein Krippenspiel und führen es im Familiengottesdienst an Heilig Abend auf. Das Besondere daran: In dem Stück werden die Themen aufgegriffen, die die Kinder beschäftigen und die sie persönlich mit Weihnachten verbinden. Neben acht deutschen sind auch fünf Flüchtlingskinder aus dem Kosovo, aus Bosnien und Albanien begeistert bei der Sache – obwohl manche von ihnen Muslime sind. „Das spielt für die Kinder keine Rolle, die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Es ist eine sehr schöne Erfahrung für uns alle, die wir da machen“, erzählt Pfarrer Karl-Eugen Fischer, der das Projekt gemeinsam mit mehreren Ehrenamtlichen begleitet. „Bei uns prallen Welten aufeinander: Während die einen sich unbeschwert auf Weihnachten freuen können, müssen die anderen damit rechnen, dass sie abgeschoben werden, weil sie aus vermeintlich „sicheren Herkunftsländern“ kommen. Wir hoffen sehr, dass unsere Theatergruppe an Heiligabend noch komplett ist und wünschen uns, dass die Kinder und ihre Familien hier in Deutschland eine sichere Zukunft bekommen.“

Das Krippenspiel ist an folgenden Terminen zu sehen:
22. Dezember 16 Uhr Brenzkirche, Am Kochenhof 7, Stuttgart, Aufführung ohne Gottesdienst
24. Dezember 16 Uhr Brenzkirche, Aufführung im Familiengottesdienst

www.evangelischenordgemeinde.de/aktuelles

Weil der Stadt: Schoko-Nikoläuse, Spiele und Lieder

Die christliche Pfandfindergruppe Royal Rangers in Weil der Stadt im Landkreis Böblingen hat in der Adventszeit die Familien in der örtlichen Flüchtlingsunterkunft besucht. „Zuerst haben wir unsere Kinder und Jugendlichen gebeten, Schoko-Nikoläuse mitzubringen. Dann haben wir kleine Päckchen mit Mandarinen und Süßigkeiten gepackt und diese den Flüchtlingskindern gebracht. Für die Erwachsenen gab es selbstgebackene Plätzchen“, berichtet Stammleiterin Tanja Schmidle. Natürlich sind die Royal Rangers nicht nur so gekommen. Sie hatten die Gitarre dabei, haben deutsche und englische Weihnachtslieder gesungen und mit den Kindern Bewegungsspiele gemacht. „Das war so schön, die Familien haben sich sehr gefreut, es war eine ganz tolle Stimmung.“ Nun hofft Tanja Schmidle, dass einige der Flüchtlingskinder Lust bekommen haben, bei der Pfadfindergruppe mitzumachen. Immerhin haben die Royal Rangers in Weil der Stadt 140 Mitglieder. „Obwohl wir eine christliche Organisation sind, sind wir offen für andere Religionen. Mit dabei sein kann jeder zwischen 6 und 21 Jahren.“

Kontakt:
Tanja Schmidle, Stammleiterin Royal Rangers 226
E-Mail

Webseite: www.rr226.de

Vaihingen an der Enz: Einen Karton voll Freude schenken

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viele kennen die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ des christlichen Vereins „Geschenke der Hoffnung“ aus Berlin, der schon seit vielen Jahren zehntausende gespendete Päckchen mit Geschenken, Süßigkeiten und Dingen des täglichen Bedarfs an bedürftige Kinder vor allem in Osteuropa verteilt. Erstmalig konnten dieses Jahr im Rahmen der Aktion auch Päckchen für Flüchtlingskinder in Deutschland gespendet werden. Die gleiche Idee hatte bereits im vergangenen Jahr die Lehrerin Daniela Bürkert des Friedrich-Abel-Gymnasiums in Vaihingen an der Enz im Landkreis Ludwigsburg. Im November hatte sie also bereits zum zweiten Mal gemeinsam mit der SMV (Schülermitverantwortung) die Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern dazu aufgerufen, einen weihnachtlich verpackten Schuhkarton mit allerlei schönen Dingen zu füllen und eine persönliche Grußkarte dazuzulegen. Am 21. Dezember wird sie gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Oberstufe und Eltern die Päckchen zu den Flüchtlingsunterkünften in Vaihingen und Sachsenheim bringen und den Kindern persönlich überreichen. Im vergangenen Jahr war die Aktion ein voller Erfolg: „Die Kinder und auch ihre Eltern waren sehr begeistert, denn sie hatten nicht damit gerechnet, dass jemand zu ihnen kommt und ihnen etwas schenkt.“ Letztes Jahr wurde rund 50 Flüchtlingskindern eine besondere Freude bereitet, dieses Jahr werden es 80 sein. Damit jedes Kind ein für sein Alter passendes Geschenk erhält, hat Schülersprecherin Bianca Schüle die Koordination übernommen. So bekommt jeder Spendende den Vornamen, das Geschlecht und das Alter „seines“ Kindes mitgeteilt. „Für die Schüler ist es eine gute Erfahrung, direkt mit den Flüchtlingen in Kontakt zu kommen“, ist Daniela Bürkert überzeugt, „denn so bekommen sie einen Einblick in das Leben und Schicksal anderer Menschen.“

LEA Meßstetten: Weihnachtsfeier mit Geschenken

Auch in Meßstetten war die Bevölkerung aufgerufen, Schuhkartons mit Geschenken für die Kinder der örtlichen Landeserstaufnahmestelle zu packen. Rund 2.700 Flüchtlinge sind dort untergebracht, darunter an die 1000 Kinder. In der Regel bleiben die Flüchtlinge nur zwei bis drei Wochen in der LEA und werden dann auf die Stadt- und Landkreise verteilt. 250 hauptamtliche und etwa 200 ehrenamtliche Mitarbeitende kümmern sich um sie. „Entgegen aller Meldungen in den Medien ist die Lage bei uns ruhig“, sagt Frank Maier, der Leiter der LEA, „es gibt keine größeren Schwierigkeiten.“ Am 23. Dezember ist um 14.30 Uhr eine Weihnachtsfeier geplant, mit Krippenspiel, Posaunenchor, Weihnachtsliedern und der Weihnachtsgeschichte auf Arabisch. „Wir haben zum Glück einen evangelischen Pfarrer, der selbst Araber ist und die Sprache spricht“, erklärt Pfarrer Markus Gneiting, der für die Evangelische Kirche sowohl für die Seelsorge der Mitarbeitenden in der LEA als auch für die Flüchtlingsarbeit in Albstadt-Pfeffingen zuständig ist. „Rund 90 Prozent der Geflüchteten in Meßstetten sind aus Syrien und dem Irak, die meisten sind Muslime.“ Im Rahmen der Weihnachtsfeier sollen dann auch die Kinder ihre Geschenkpäckchen erhalten. Darüber hinaus hat das ökumenische Team der LEA angeregt, dass die Meßstetter Bürgerinnen und Bürger Flüchtlinge aus der LEA an den Weihnachtstagen zu sich nach Hause einladen, um die Weihnachtsfreude miteinander zu teilen. Etliche Interessierte haben sich schon gemeldet.

Rottenburg: Gemeinsames Weihnachtsessen

Der Verein zur Steigerung der Lebensfreude veranstaltet am vierten Advent um 18 Uhr im Haus am Nepomuk in Rottenburg ein Weihnachtsfest für Flüchtlinge, Ehrenamtliche und interessierte Bürgerinnen und Bürger. Gemeinsam mit den Flüchtlingen kaufen die Vereinsmitglieder die Zutaten zum Kochen ein, wobei der Verein die Kosten übernimmt. Die Flüchtlinge bereiten dann für das Fest Spezialitäten aus ihren Heimatländern vor. 

Karlsruhe: Weihnachtsfest in der Freien evangelischen Gemeinde

Ein Team der Freien evangelischen Gemeinde besucht jeden Mittwoch Nachmittag die Flüchtlinge in der Landeserstaufnahmestelle in der Durlacher Allee in Karlsruhe. „Wir möchten die Menschen bei uns in Karlsruhe willkommen heißen und ihnen helfen, sich besser in unserer Stadt zurechtzufinden“, schreibt Kathrin Seifert in ihrer E-Mail. „Wir informieren über Deutschkurse, über die Beratung, die im Menschenrechtszentrum angeboten wird, und knüpfen persönliche Kontakte.“ Am 12. Dezember lud die Freie evangelische Gemeinde die Flüchtlinge zu sich ein. „Wir holten unsere Gäste bei der LEA ab und brachten sie mit einer eigens angemieteten Straßenbahn zu unserer Gemeinde. Dort gab es Kaffee und Kuchen, Lieder, eine kurze Predigt und kleine Geschenke, zum Beispiel unsere "Weihnachtstassen", die mit Süßigkeiten und nützlichen Dingen gefüllt und schön verpackt waren.“ Rund 200 Menschen kamen zu dem Fest, bei dessen Organisation und Gestaltung die ganze Gemeinde mithalf.