„Die Caeser Photos“: Eine Ausstellung des Schreckens

Eine der spektakulärsten Ausstellungen, die im New Yorker Gebäude der Vereinten Nationen je zu sehen war, stammt von einem anonymen Fotografen: Unter dem Decknamen „Caesar“ war 2013 ein syrischer Militärangehöriger in den Westen geflohen, im Gepäck seine Aufnahmen von 6.700 zu Tode gefolterten Landsleuten. Vor wenigen Tagen wurde die Ausstellung nun von Staatssekretärin Theresa Schopper im Stuttgarter Kunstgebäude eröffnet.

Jeder Kriegsfotograf kämpft mit einem kaum lösbaren Dilemma: Wie zeigt man die Grausamkeit des Krieges, ohne seinen Opfern ein zweites Mal die Würde zu nehmen: Indem man sie auf Bildern zur Schau stellt. Der syrische Militärfotograf Caesar hatte keine Gelegenheit, sich mit solchen medienkritischen Erwägungen herumzuschlagen. Sein Job war es, die zu Tode Gefolterten abzulichten, im Staatsgefängnis 215 in Damaskus.

Bilder aus den Folterkammern

„Heute vermutet man, dass zwischen 100.000 und 250.000 Menschen in diesen Folterkammern des syrischen Geheimdienstes gestorben sind“, sagt Heike Schiller, die Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg. Sie veranstaltet die Ausstellung, trotz erheblicher Schwierigkeiten. Es fängt schon damit an, dass der Autor der ausgestellten Fotografien nicht zu erreichen ist. Der aus dem Militärdienst desertierte Fotograf lebt inkognito irgendwo in Europa, unter der Todesdrohung des syrischen Regimes. Komplizierter aber als ein abwesender Künstler sind die unabweislichen Fragen, die der Umgang mit seinen Bildern aufwirft. Dazu gehört vor allem Skrupel gegenüber den Familien der Abgebildeten. Einige der Toten haben Angehörige, die dem Krieg durch Flucht nach Europa entkommen sind. Wie kann man es diesen Menschen zumuten, Bilder ihrer zu Tode geschundenen Verwandten auszustellen?

„Darüber muss man sprechen“, gesteht Heike Schiller zu, „aber wir haben in Deutschland eine historische Verantwortung, was die Auseinandersetzung mit Gewaltherrschaft angeht. Aus diesem Grund, denke ich, wir müssen die Fotografien von Caesar zeigen.“

Penibel das Grauen dokumentiert

Die Bilder des Syrers stehen in einer langen Tradition der Darstellung von  Gewalt und Tod. Spätestens seit Matthias Grünewald wissen bilderkundige Betrachter im Abendland, wie der Leichnam eines Gefolterten aussieht. Ziemlich einzigartig aber dürften die Entstehungsbedingungen von Caesars Bildern sein. Dass ein tyrannisches Regime die Massenmorde am eigenen Volk in dieser Weise dokumentiert, ist selten und spricht für die völlige Selbstgewissheit der Herrschenden. Die Leichen seiner Gegner lässt Assad in Massengräbern verschwinden, aber vorher müssen Hilfskräfte die Vernichtung der ausgesonderten Staatsbürger noch penibel dokumentieren. Caesar tut es mit aller Beiläufigkeit: Aus der Augenhöhe eines Stehenden blickt der Fotograf auf die Toten, die auf schmutzigen Betonböden liegen; dabei kippen die Bildhorizonte, werden die Abgebildeten mal zur Hälfte, mal ganz gezeigt, mal einige nebeneinander.

Diese Fotos sind ohne jede bildnerische Ambition gemacht, sie wirken wie schlampige Schnappschüsse, was sie noch grausiger, weil authentischer wirken lässt. Mag sein, dass dem Fotografen die Hand zittert – vielleicht wegen des Grauens vor seinem Kameraauge, vielleicht aber auch ganz banal, weil er den Fotoapparat  mit einer Hand führt: Fast immer nämlich hält Caesar einen Zettel ins Bild, auf den Ziffern und Buchstaben gekritzelt sind – makabre Kennzeichnungen der zu Tode Gequälten. Zusätzlich tragen viele Schriftzeichen und Markierungen, die ihnen jemand mit Edding auf die blutunterlaufende Haut geschrieben hat.

Schwer zu sagen, was schlimmer wirkt: Die Zerstörung von menschlichen Leibern, oder die buchhalterischen Gesten der Mörder, mit denen sie die Leichname ihrer Opfer besudeln. Es ist nicht zuletzt diese perverse Akkuratesse, die Caesars Bilddatenbank, in der cirka 6.700 Tote erscheinen, gegen die Täter verwendbar macht.

Haftbefehl gegen Caesars Dienstherren

Mitte Juni erwirkte der deutsche Generalbundesanwalt einen Internationalen Haftbefehl gegen Caesars Dienstherren, den Chef des syrischen Luftwaffen-Geheimdienstes Jamil Hassan. Es ist der erste Versuch weltweit, das Assad-Regime juristisch zur Verantwortung zu ziehen.

Caesars unfreiwilliges Panoptikum des Horrors steht damit in einer Reihe mit einigen der bedeutsamsten Werke der Kriegsfotografie, etwa den Arbeiten von Gilles Peress über Srebrenica und Ruanda. Beide sind im Eigenauftrag entstandene Projekte des Magnum-Fotografen Peress, und gleichzeitig forensische Quellen, die internationalen Gremien bei der juristischen Ahndung der Genozide als Beweisstücke dienten.

Gegen den Nebel des Zweifels

Beweiskraft haben Caesars Fotos allerdings längst nicht für jeden. Immer wieder stoßen seine Unterstützer, die Caesars Bilder in die Öffentlichkeit tragen, auf massive Skepsis. „Russlands und Assads Propagandastrategie lösen alle Erkenntnisse über diesen Krieg auf in einem großen Nebel des Zweifels. Sie verfügen über hoch professionelle Medienmaschinen“, sagt die Journalistin Tina Fuchs, die den Casus Caesar in dem Dokumentarfilm „Zeugen gegen Assad“ aufgearbeitet hat. „Ganz normale Leute hier in Deutschland sagen mir, dass Caesars Fotos doch Fälschungen sein könnten“, berichtet Fuchs, „und kaum jemand hat noch präsent, dass Assad und Putin für cirka 90 Prozent der Kriegstoten in Syrien verantwortlich sind.“

Die dicken Bretter der internationalen Politik will auch die Stuttgarter Ausstellung ein kleines bisschen weiter bohren. Doch bevor es so weit war, musste Heike Schiller einige ganz banale Probleme lösen. Zum Beispiel Abzüge von Bilddateien beschaffen, deren Inhalt nicht nur Alpträume auslöst, sondern im dümmsten Fall auch einen Polizeieinsatz wegen expliziter Gewaltdarstellung. „Vier große Fachlabors haben uns abgesagt“, erzählt Schiller, „erst knapp vor Ende des Zeitfensters hat sich eine Stuttgarter Fotohändlerin bereit erklärt, die Bilder zu vergrößern – über Nacht, um ihren Angestellten den Anblick zu ersparen.“

Nichts für schwache Nerven

Das Prinzip setzt sich in der Ausstellung fort. Die Bilder hängen nicht an der Wand, sie liegen auf hochgebockten, rohen Holzplatten. Kinder oder Besucher mit schwachen Nerven können rasch daran vorbei gehen, ohne viel zu sehen. Diese Präsentation ist angemessen schlicht, weit entfernt von der Anmutung einer klassischen Kunst-Präsentation.

Diese findet sich erst im zweiten Raum, als Installation der Bildhauerin Abeer Faroud. Die junge Frau aus Damaskus war vor ihrer Flucht nach Deutschland im selben Gefängnis inhaftiert, in dem Caesar die Toten fotografierte. Farouds Stuttgarter Arbeit trägt den Titel „A Day in Jail“. Sie veranschaulicht die Bedingungen von Folter und Haft, die bis heute in Syrien herrschen. Dazu nutzt Faroud gleichermaßen Abstraktion und figürlichen Realismus: Die Exponate sind gipsweiß wie die Wände des fensterlosen Raums. Von der Decke des White Cube hängen Arme, Hände, Füße – die Gefangenen werden oft an einzelnen Extremitäten aufgehängt, manchmal Tage lang. Daneben baumelt kopfüber ein nackter weiblicher Torso, an dem Kabel befestigt sind; dazu ertönt das Knistern von Elektroschocks. Bodenplatten von vierzig mal vierzig Zentimetern zeigen den Platz, den ein Häftling in den überfüllten Zellen zur Verfügung hat. Besucher können sich in einen hohen, schmalen Käfig zwängen, in dem alle paar Minuten ein lautes Krachen ertönt – im Gefängnis werden die in den Stehzellen Eingesperrten durch Schläge alle halbe Stunde am Schlafen gehindert, bis sie mental und physisch am Ende sind.

Mit Luftballons durch Damaskus gezogen

„Ich habe all das teils erlebt, teils von Mitgefangenen berichtet bekommen“, sagt Abeer Faroud. Sie ist sanft, aber tough. Über ihre Zeit im Gefängnis spricht sie nicht. Die Verhaftung hatte sie kommen sehen, sich die Haare geschoren, um unattraktiv zu erscheinen – fast jeder Häftling in Syrien wird vergewaltigt. Als Aktivistin der Revolution war Faroud mit Freunden durch Damaskus gezogen, ließ Luftballons mit Slogans gegen Assad steigen, färbte Brunnenwasser rot, ließ Tischtennisbälle gegen Regierungsgebäude prasseln.

„Wir haben viele solcher Projekte gemacht, weil es unmöglich ist, in Damaskus zu demonstrieren. Nach drei Minuten ist der Geheimdienst da“, berichtet Faroud. Sie kennt das Thema seit frühester Kindheit. In den 80er Jahren hatte der Geheimdienst eine ganze Großfamilie aus ihrem Clan in Sippenhaft genommen. Schließlich bezichtigte sich einer der Eingesperrten oppositioneller Umtriebe, um seine Brüder und Eltern zu entlasten. Diese wurden tatsächlich auf freien Fuß gesetzt; der 18jährige aber, der sich gestellt hatte, verschwand auf Nimmerwiedersehen. Seitdem meidet die Familie Faroud das Thema Politik, gleichzeitig ist man stillschweigend gegen das Regime.

Ziviler Ungehorsam unter Lebensgefahr

Abeer Faroud tickt anders. Als 2011 die Berichte über den Aufstand in Tunesien durchs Internet kamen, machte sie sich daran, zivilen Ungehorsam zu praktizieren. Immer unter Lebensgefahr, aber manchmal mit großem Vergnügen. Abeer und ihre Freunde versteckten Lautsprecher, aus denen laute Revolutionslieder dröhnten, in Müllhaufen. Dann amüsierten sie sich über die Ratlosigkeit der auf den Plan tretenden Polizisten, die zwar laute Protestgesänge wahrnahmen, aber nirgends Demonstranten entdeckten. Und die am Ende, als sie die Lautsprecher endlich aus den stinkenden Müllhaufen gezogen hatten, auf die unschuldigen Apparate eindroschen wie von Sinnen.

„Das war neu, das war stark“, sagt Faroud mit sichtlichem Stolz, „und es wurde von Vielen bemerkt, die gesehen haben: Die Revolte ist da, sie läuft, in Damaskus.“

Der Ruf der Heimat

Faroud lebt mittlerweile in Deutschland, mit Mann und Kind. Ihr Mann ist Ingenieur, hat einen guten Job. Die Kleine ist im Kindergarten, eine Erzieherin für 15 Kids, dazu der nervige Nachbar, der über das Toben des Mädchens schimpft. Manchmal sieht man auf der Straße ein paar glatzköpfige Männer in Bomberjacken, wahrscheinlich keine Fremdenfreunde. Der ganz normale deutsche Wahnsinn, verglichen mit Bürgerkrieg ein Paradies. So ähnlich will Abeer Faroud eines Tages in ihrer Heimat leben. Sie lächelt und sagt: „Wir haben eine civil society gestartet, ein peaceful movement. Das ist die Idee unserer Revolution: We will do anything peacefully to make the regime go away.“

(Andreas Langen)