Auf der Flucht: Melchinger Winterreise neu erzählt

Foto: Theater Lindenhof

Der Theaterspaziergang, bei dem sich die Zuschauer durch die Winterlandschaft der Schwäbischen Alb bewegen, wurde erstmals vor 20 Jahren aufgeführt. In einer Zeit, in der Fluchtbewegungen und Vertreibung aus der Heimat die Weltpolitik bestimmen, nimmt das Theater Lindenhof das Stück von Peter Härtling wieder auf. Und erzählt es neu.

Im Zentrum der Melchinger Winterreise steht der bekannte Liederzyklus des Komponisten Franz Schubert. Leitmotiv der Lieder ist der Wanderer, der enttäuscht von der Liebe, ohne Ziel und Hoffnung, durch die Winternacht zieht. Schubert selbst war ein Getriebener, der nie Ruhe fand. Peter Härtling, der als Flüchtlingskind nach Nürtingen kam, erkannte sich in der Musik und in den Texten wieder. Für ihn war der Wanderer der Winterreise ein Sinnbild für Heimatlosigkeit. Für das Theater Lindenhof schrieb er die „Melchinger Winterreise“, die 1997 unter der Regie von Christoph Biermeier uraufgeführt wurde.

Konfrontation mit Vertreibung und Flucht

Nun wird der Theaterspaziergang, der die Zuschauer selbst zu Wanderern in der Winterlandschaft der Schwäbischen Alb macht, nach zwanzig Jahren wieder aufgenommen. Der Regisseur Christoph Biermeier verspricht den Besuchern eine Reise in die Vergangenheit, aber auch eine Konfrontation mit den Themen Vertreibung und Flucht heute. So treffen in der neuen Winterreise Fluchterfahrungen dreier Zeiten aufeinander. Schuberts Gefühl von Heimatlosigkeit im 19. Jahrhundert, das von Härtling Mitte des 20. Jahrhunderts und Fluchterfahrungen von Asylsuchenden heute.

Wie kann das Zusammenleben gelingen?

Regisseur Christoph Biermeier sieht Theater als ein gutes Medium an, um gesellschaftliche Fragestellungen anzugehen und zu verhandeln: „Wenn man Geschichten hört, wie die unserer Mitspieler, dann kann man nicht einfach sagen, ‚Das Boot ist voll‘. Dann muss man fragen: Wie kann man im Fremdsein und Unbehaustsein seinen eigenen Weg finden und zwar einen Weg voller Zuversicht. Wie kann das Zusammenleben mit den Menschen, die zu uns kommen, gelingen?“.

Drei Asylsuchende sind mit von der Partie

Fast alle Schauspieler der ersten Version sind wieder mit dabei, doch wurde bei der Besetzung etwas rotiert. Bernhard Hurm spielt nicht mehr den Schubert, sondern Peter Härtling als Jungen – auch als Homage an seinen Freund. Der Gastschauspieler Rahul Chakraborty, der halb Inder und halb Deutscher ist, ist der Schubert von heute. Ebenso mit von der Partie sind drei Asylsuchende aus Trochtelfingen. Gleich geblieben ist die Musik, die für das Theater Lindenhof Susanne Hinkelbein arrangiert hat.

Gespielt wird an vier Stationen

Der Theaterspaziergang, der rund drei Stunden dauern wird, führt die Zuschauer in drei Gruppen zu vier Stationen. In den Theatersaal, in das Theaterfoyer, in die Theaterscheune und auf den Himmelberg. Und dort wird, wie vor zwanzig Jahren, der Engel der Geschichte seine Flügel ausbreiten – verkörpert vom Intendanten Stefan Hallmayer persönlich.